Digitaler Faschismus und digitaler Kapitalismus

Christian Fuchs

Universität Paderborn, Paderborn, Deutschland, https://fuchsc.net, christian.fuchs@triple-c.at

Abstract: Worum handelt es sich beim digitalen Faschismus? Was ist der digitale Kapitalismus? Und in welchem Verhältnis stehen die beiden zueinander? Dieser Artikel theoretisiert den digitalen Faschismus als eine zeitgenössische Form des rechten Autoritarismus, der im Kapitalismus verwurzelt ist und durch digitale Infrastrukturen neu organisiert wird. Aufbauend auf der Analyse des Autoritarismus durch die Frankfurter Schule wird Faschismus neu konzeptualisiert als terroristische, antidemokratische Organisationsform – charakterisiert durch Führerkult, Nationalismus, Freund-Feind-Schema und militantes Patriarchat –, deren Wiederaufleben durch kapitalistische Krisen beschleunigt wird. Der Artikel entwickelt einen dualen Rahmen: Faschistische Praktiken (Kognition, Kommunikation, Koproduktion) und digitale Strukturen (Plattformen, Algorithmen, Datafizierung) erzeugen sich wechselseitig, wodurch nutzergenerierter Hass, postfaktische Propaganda, algorithmisches Targeting, Cyberangriffe und digital vermittelte Gewalt ermöglicht werden. Zehn historische Hypothesen zeichnen den Wandel von Rundfunkpropaganda zu Influencer-Netzwerken, von Straßenmilizen zu teilweise automatisierten Konflikten und von offener Antidemokratie zu „schleichendem“ Autoritarismus nach, der demokratische Legitimität für sich beansprucht. Unter Einbeziehung politökonomischer Belege zeigt der Artikel, wie wichtige Teile des digitalen Kapitals, des Finanzkapitals und des fossilen Kapitals/Transportkapitals aufkommende autoritäre Projekte finanzieren und legitimieren und sich so ein autoritärer digitaler Kapitalismus herausbildet, dessen Grenze zum digitalen Faschismus durchlässig ist. Die Schlussfolgerung plädiert für eine digitale Demokratie, die der Verschmelzung von Großunternehmen und Großmacht im digitalen Zeitalter entgegenwirkt.

 

Keywords: Faschismus, Kapitalismus, digitaler Faschismus, digitaler Kapitalismus

Acknowledgement: Dieser Beitrag wurde zuerst in der Zeitschrift Philosophy & Social Criticism veröffentlicht. Unter Verwendung einer CC-BY-Lizenz wurde der Originalbeitrag ins Deutsche übersetzt und wird auf Basis dieser Lizenz in tripleC veröffentlicht. Originalveröffentlichung: https://doi.org/10.1177/01914537261434922

 

1. Einleitung

Am 21. Januar 2025 waren einige der mächtigsten Tech-Mogule der Welt zu Gast bei Donald Trumps Amtseinführung als US-Präsident. Darunter waren Elon Musk (X), Mark Zuckerberg (Meta), Jeff Bezos (Amazon), Sundar Pichai (Alphabet), Tim Cook (Apple), Shou Zi Chew (TikTok USA) und Sergey Brin (Google/Alphabet)[1]. Diese Personen sind nicht nur Vertreter der mächtigsten digitalen Medienkonzerne, sondern viele von ihnen gehören auch zu den reichsten Menschen der Welt[2]. Einige Beobachter interpretierten diese Szene als Symbol für die Verschmelzung von digitalem Kapital und der nationalistischen Rhetorik der neuen Regierung.

In diesem Zusammenhang wurden Begriffe wie digitaler Autoritarismus (Gosztonyi 2023, Maerz 2024, Pearson 2024, Roberts und Oosterom 2024) und digitaler Faschismus (Degeling 2024, Demír 2025; Fielitz und Marcks 2019, 2022; Fuchs 2022; Klikauer und Simms 2021) verwendet. Um die gegenwärtigen Veränderungen des Kapitalismus und der Gesellschaft zu analysieren, benötigen wir passende Definitionen und ein gutes Verständnis dieser Begriffe. Dieser Beitrag soll zur Theoretisierung des Faschismus und des digitalen Faschismus beitragen, indem er sich mit den folgenden zwei Fragen befasst: Was ist der digitale Faschismus? In welcher Beziehung stehen digitaler Faschismus und digitaler Kapitalismus zueinander?

Ich argumentiere erstens, dass der digitale Faschismus am besten als Dualität von Praktiken und Infrastrukturen verstanden werden kann – faschistische Kognition, Kommunikation und Koproduktion, die rekursiv durch Plattformarchitekturen und Datenökonomien geprägt sind; zweitens, dass der zeitgenössische digitale Kapitalismus die Anreize, Finanzmittel und Möglichkeiten bereitstellt, die solche Praktiken wahrscheinlicher und skalierbarer machen. Der Aufsatz ist wie folgt aufgebaut: Zunächst wird der Begriff des Faschismus erörtert (Abschnitt 2), dann werden die zentralen Merkmale digitaler Medien behandelt (Abschnitt 3), anschließend wird der digitale Faschismus theoretisch begründet (Abschnitt 4) und schließlich wird das Verhältnis von digitalem Kapitalismus und digitalem Faschismus skizziert (Abschnitt 5). Abschließend werden einige Schlussfolgerungen gezogen.

2.   Faschismus

Wenn wir verstehen wollen, worum es sich beim digitalen Faschismus handelt, müssen wir zunächst einmal den Faschismus begreifen. Deshalb ist es sinnvoll, sich zunächst mit den häufig zitierten Definitionen des Faschismus auseinanderzusetzen.

2.1.   Definitionen des Faschismus

Im heutigen Verständnis des Faschismus gibt es einige häufig zitierte Definitionen. Eine davon ist Roger Griffins (1993, 2003) Konzept des Faschismus als palingenetischer Ultranationalismus, der sich durch Nationalismus, Rassismus und Antiliberalismus auszeichnet. Stanley G. Payne (1995, 14) vertritt eine ähnliche Auffassung, wonach Faschismus als „revolutionärer Ultranationalismus für die nationale Wiedergeburt“ zu verstehen sei. Jason Stanley definiert Faschismus als eine radikale Form des Nationalismus: „Im Kern des Faschismus steckt die Loyalität gegenüber dem Stamm, der ethnischen Identität, der Religion, der Tradition oder – mit einem Wort – der Nation. Doch im krassen Gegensatz zu einer Auslegung des Begriffs, die Gleichheit im Sinn hat, beinhaltet der faschistische Nationalismus eine Ablehnung des liberal-demokratischen Ideals; er steht rein im Dienste der Herrschaft mit dem Ziel, einen Platz an der Spitze einer Hierarchie von Macht und Status zu erlangen oder zu bewahren“ (Stanley 2024, 118). Eatwell (1996) definiert ein faschistisches Minimum, bei dem charismatische Führung, Kollektivismus, Nationalismus, Gewalt, Antiliberalismus und ein dritter Weg jenseits von Sozialismus und Kapitalismus die Hauptmerkmale des Faschismus sind. Paxton (2004, 218) beschreibt den Faschismus als „eine Form des politischen Verhaltens, die durch eine obsessive Beschäftigung mit dem Niedergang der Gemeinschaft, Demütigung oder Opferrolle und durch kompensatorische Kulte der Einheit, Energie und Reinheit gekennzeichnet ist, in dem eine massenbasierte Partei engagierter nationalistischer Militanter, die in einer schwierigen, aber effektiven Zusammenarbeit mit traditionellen Eliten steht, demokratische Freiheiten aufgibt und mit erlösender Gewalt und ohne ethische oder rechtliche Beschränkungen Ziele der inneren Säuberung und äußeren Expansion verfolgt”. Viele zeitgenössische, aktualisierte Analysen des Faschismus stützen ihr Verständnis des Faschismus auf solche Definitionen (zum Beispiel Bratich 2022; Fielitz und Marcks 2022, 2019), was ihren Einfluss verdeutlicht.

Die Definitionen von Griffin, Payne und Stanley konzentrieren sich auf Aspekte des Nationalismus. Eatwell und Paxton analysieren Faschismus als eine Form der Politik, die eine Reihe von Merkmalen aufweist. Alle diese Definitionen sind politisch ausgerichtet: Sie legen einen starken Fokus auf politische Theorie und stellen die politische Dimension des Faschismus in den Vordergrund. Obwohl die Politik eine wichtige Dimension des Faschismus und der Gesellschaft ist, ist sie immer mit der Wirtschaft verflochten, was auch von politökonomischen Ansätzen betont wird (siehe Wolff und Resnick 2012; Caporaso und Levine 1992). Den zitierten Definitionen fehlt ein Fokus auf Wirtschaft und die Wechselwirkung zwischen Wirtschaft und Politik. Sie können nicht erklären, warum faschistische Bewegungen in Zeiten schwerer politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Krisen oft an Intensität gewinnen und warum es häufig eine enge Verbindung zwischen kapitalistischen Interessen und faschistischer Politik gibt. Sie erklären nicht, „warum faschistische Bewegungen, so groß ihr rhetorischer Antikonservatismus auch sein mag, immer auf konservative Kräfte gesetzt haben”, das heißt, auf Kräfte, die den Kapitalismus erhalten und Ungleichheiten naturalisieren wollen, „um Unterstützung zu gewinnen und die Macht anzustreben – und niemals auf die Kräfte der Linken” (Thompson 2011, 88). Sie nehmen Max Horkheimers (1939, 115) Diktum nicht ernst: „Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen“. Da die Silicon-Valley-Konzerne als hegemoniale Fraktion des Kapitals heute den Autoritarismus unterstützen, müssen wir uns, genau wie zu Zeiten Horkheimers, auch heute mit der Analyse der Verflechtung von (digitalem) Kapitalismus und (digitalem) Faschismus auseinandersetzen.

2.2.    Ein Modell des Autoritarismus auf Basis der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule

Mein Verständnis des Faschismus hat einen anderen Ausgangspunkt als die diskutierten Ansätze. Es stützt sich nämlich auf den Begriff des Autoritarismus der Frankfurter Schule. Im Gegensatz zu den oben genannten Theorien ignoriert es den Kapitalismus nicht, sondern nimmt ihn ernst. Der Ausgangspunkt von Denkern wie Wilhelm Reich, Erich Fromm, Theodor W. Adorno, Max Horkheimer und Herbert Marcuse bei ihrer Analyse des deutschen Nazifaschismus war die Frage, warum viele Arbeiter:innen in der Krise des Kapitalismus nach dem Börsencrash von 1929 keinen Widerstand gegen Hitler leisteten, sondern sich dem Faschismus zuwandten. Der Zusammenhang zwischen Faschismus und Kapitalismus war der Kontext ihres Denkens und ihrer Analysen.

Wilhelm Reich, dessen Buch Die Massenpsychologie des Faschismus ein Vorläufer der Analyse des Faschismus durch die Frankfurter Schule war, argumentierte, dass die faschistische Ideologie den „ökonomischen Prozess dieser [kapitalistischen] Gesellschaft [...] in den psychischen Strukturen der Menschen dieser Gesellschaft“ zu verankern versucht (Reich 1933/2011, 39). Er plädierte für einen interdisziplinären Ansatz  der Faschismusforschung, die Kritik der politischen Ökonomie, Ideologiekritik und kritische Psychologie miteinander verbindet. Aufbauend auf Reich und über ihn hinausgehend war der Ausgangspunkt der Frankfurter Schule bei der Analyse des Faschismus der Begriff der autoritären Persönlichkeit, eine Kategorie, die sie zur Verbindung von Psychologie, politischer Ökonomie und Gesellschaftstheorie verwendeten. Von 1929 bis 1931 führte Erich Fromm eine Umfrage unter deutschen Arbeitern durch, um herauszufinden, wie sie politisch dachten. Er erhielt 584 Antworten. In seiner Studie, die später unter dem Titel Arbeiter und Angestellte am Vorabend des Dritten Reiches: Eine sozialpsychologische Untersuchung (Fromm 1980/2019) veröffentlicht wurde, unterschied Fromm zwischen der radikalen, der autoritären und der kompromissorientierten Persönlichkeit. 1936 veröffentlichte die Frankfurter Schule eine Studie über Autorität und Familie. Ziel war es, zu verstehen, wo und wie der Faschismus entstanden war (Horkheimer 1936/1987b). Der Band enthielt theoretische Grundlagen von Max Horkheimer, Erich Fromm und Herbert Marcuse sowie empirische Forschung, Fallstudien und Literaturberichte verschiedener Autor:innen. In seinem Kapitel über die sozialpsychologischen Grundlagen der Autorität definierte Fromm die autoritäre Persönlichkeit als Menschen, „deren Aggression sich gegen den Wehrlosen und deren Sympathie sich auf den Mächtigen erstreckt“ (Fromm 1936/1987, 115). Im allgemeinen Teil der Studie definiert Max Horkheimer (1936/1987a, 24) Autorität als „jene inneren und äußeren Handlungsweisen, in denen sich die Menschen einer fremden Instanz unterwerfen“. Die Mitglieder der Frankfurter Schule flohen vor Hitler in die USA. Dort führte Adorno zusammen mit anderen eine empirische Studie über die autoritäre Persönlichkeit durch (Adorno et al. 1950). Fromm schrieb ein Buch über die autoritäre Persönlichkeit mit dem Titel Die Furcht vor der Freiheit (Fromm 1941/1990). In seinem Buch Behemoth entwickelte Franz L. Neumann (1944/2018) anhand einer Fallstudie über Nazideutschland eine Theorie des Faschismus, die die Analyse der faschistischen Ideologie und der autoritären Ideologie mit der politischen Ökonomie verband.

In ihrer Studie The Authoritarian Personality versuchten Adorno et al. (1950), die autoritäre Persönlichkeit und die Weltanschauung faschistischer Individuen zu messen. Zu diesem Zweck entwickelten sie einen Fragebogen, die F-Skala (Faschismus-Skala). Es wurden vier Versionen dieses Indikators erstellt, eine mit 78 Fragen, eine mit 60, eine mit 45 und eine mit 40. Die Fragen wurden nach neun Dimensionen geordnet: 1. Konventionalismus, 2. autoritäre Unterwürfigkeit, 3. Autoritäre Aggression, 4. Anti-Intrazeption (Zurückweisung von Subjektivität, Fantasie, usw.), 5. Aberglaube und Stereotypie, 6. Machtdenken und „Kraftmeierei“, 7. Destruktivität und Zynismus, 8. Projektivität (Projektion von Ängsten auf die Außenwelt), 9. Übertriebene Beschäftigung mit Sexualität. Der F-Skala-Fragebogen ist ziemlich umfangreich und teilweise redundant. Auf seiner Grundlage habe ich Kernthemen des Autoritarismus identifiziert und ein Modell des Autoritarismus erarbeitet (erstmals vorgestellt in Fuchs 2018b, 2018c). Der Hauptvorteil dieses Modells besteht darin, dass es nicht auf eine einzige Organisationsebene beschränkt ist, sondern von der Mikroebene (Individuum, Gruppe) über die Mesoebene (soziale Bewegungen, Parteien, soziale Systeme, Institutionen) bis hin zur Makroebene (Gesellschaft als Ganzes) reicht.

Ein Vorteil des Begriffs „Autoritarismus“ für die Gesellschaftsanalyse ist seine Skalierbarkeit. Autoritarismus und Faschismus sind nicht auf einer einzigen Ebene organisiert, sondern auf ineinander geschachtelten Ebenen, wobei jede Ebene die darunterliegende voraussetzt und über diese hinausgeht: das Individuum, die Gruppe, soziale Bewegungen/Parteien, soziale Systeme/Institutionen, die Gesellschaft. Mein Ansatz beschränkt den Autoritarismus nicht auf autoritäre Individuen, autoritäre Führer, autoritäre Parteien oder eine andere einzelne Ebene, sondern argumentiert, dass autoritäre soziale Bewegungen und Parteien auf autoritären Individuen basieren, dass autoritäre Institutionen autoritäre Bewegungen voraussetzen und dass eine autoritäre Gesellschaft auf autoritären Institutionen beruht und über diese hinausgeht. Es gibt emergente organisatorische Ebenen des Autoritarismus. Eine Ebene kann, muss aber nicht zwangsläufig zu einer höheren Ebene führen, die die niedrigere Ebene aufhebt.

Autoritarismus entstand als Konzept zur Analyse einer bestimmten Form des Bewusstseins und der Persönlichkeit, der autoritären Persönlichkeit, und wurde auf die Analyse autoritärer Gruppen, Bewegungen, Organisationen, Institutionen und Gesellschaften ausgeweitet. Das bedeutet, dass Autoritarismus ein mehrstufiges Konzept ist, das von der Mikroebene der Gesellschaft über die Mesoebene bis hin zur Makroebene reicht.

Obwohl wir heutzutage manchmal hören, dass wir in einer Welt jenseits von links und rechts leben (Giddens 1994), argumentiert der Politikwissenschaftler Norberto Bobbio, dass eine solche politische Unterscheidung nach wie vor von Bedeutung ist. Die Weltanschauungen der Linken und Rechten gehen von unterschiedlichen Voraussetzungen aus: Auf der politischen Linken gibt es „Menschen, die glauben, dass Menschen eher gleich als ungleich sind“, während die politische Rechte aus „Menschen besteht, die glauben, dass wir eher ungleich als gleich sind“ (Bobbio 1996, 67). Der „Egalitarist verurteilt soziale Ungleichheit im Namen der natürlichen Gleichheit, und der Anti-Egalitarist verurteilt soziale Gleichheit im Namen der natürlichen Ungleichheit“ (68-69). Da Rechtsgerichtete davon ausgehen, dass Menschen grundsätzlich ungleich sind, neigen sie dazu, Diskriminierung und Ungleichbehandlung zu befürworten, während Linksgerichtete eher Gleichbehandlung befürworten und Diskriminierung ablehnen.

Diejenigen, die sich politisch rechts positionieren, teilen die Annahme, dass Ungleichheit natürlich ist und Menschen von (sozialer) Natur aus ungleich sind. Es gibt jedoch verschiedene Ausprägungen der rechten Ideologie, die von Konservatismus auf der einen Seite bis hin zu Faschismus auf der anderen Seite reichen. Der Rechtsextremismus ist eine Form der rechten Ideologie, die zwischen Konservatismus und Faschismus angesiedelt ist. Konservatismus kann als eine Form des rechten Autoritarismus verstanden werden, der die Struktur der Demokratie akzeptiert, aber innerhalb dieser Struktur gewisse autoritäre Prinzipien anwendet. Anstatt Terrorismus zu befürworten, fördert er zum Beispiel eine Law-and-Order-Politik der öffentlichen Ordnung. Der Rechtsextremismus ist keine Gesellschaftsform, sondern eine Ideologie und politische Bewegung. Wir sprechen in der Regel nicht von einer „rechtsextremen Gesellschaft”, sondern von „einem Rechtsextremisten” und „einer rechtsextremen Bewegung/Gruppe/Partei”. Der Rechtsextremismus neigt dazu, Gewalt gegen imaginäre Feinde zu rechtfertigen und zu unterstützen, obwohl seine Aktionen oft auf Rhetorik, Symbolik, Stil und Ideologie beschränkt bleiben. Der Faschismus hingegen wirkt auf mehreren Ebenen – im individuellen Bewusstsein, in Gruppen, Organisationen, Institutionen und in der Gesellschaft. Er organisiert und institutionalisiert Terror und Gewalt aktiv als politische Instrumente und ist eine genozidale Form des rechten Autoritarismus, die darauf abzielt, eine Gesellschaft zu schaffen, die auf der systematischen Verfolgung und Vernichtung definierter Feinde basiert. Der Faschismus verankert Führerkult, Nationalismus, das Freund/Feind-Schema und das militante Patriarchat in der gesellschaftlichen Ordnung. Er entsteht als Reaktion auf die Konflikte und Krisen von kapitalistischen Gesellschaften und Klassengesellschaften. Faschist:innen organisieren auf rationale Weisen die Ängste und Befürchtungen, die Menschen aufgrund von Entfremdungsstrukturen haben. Sie versuchen, diejenigen zu mobilisieren, die Angst vor sozialem Abstieg haben, mit dem Versprechen einer stärkeren Gesellschaft, in der die nationale Gemeinschaft floriert, indem sie die Insider begünstigt und die konstruierten Feinde ausrottet, denen die Schuld an Gesellschaftsproblemen zugeschrieben wird. Dadurch, dass er diese konstruierten Feinde zu Sündenböcken macht und die Aufmerksamkeit von den systemischen, strukturellen Ursachen von Problemen ablenkt, spielt der Faschismus eine ideologische Rolle in Klassengesellschaften. Er verschleiert die Verbindungen zwischen Kapitalismus und gesellschaftlichen Problemen, indem er sie durch Nationalismus und Feindkonstruktionen ersetzt. Liberale Theorien des Faschismus minimieren oder übersehen oft die doppelte Beziehung zwischen Faschismus und Kapitalismus – nämlich die ideologische Funktion des Faschismus innerhalb des Kapitalismus sowie die latenten faschistischen Potenziale und Tendenzen des Kapitalismus. Orthodoxe linke Ansätze reduzieren den Faschismus häufig ausschließlich auf einen Ausdruck des Kapitalismus und spielen dabei die Rollen von Nationalismus, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und Vernichtungspolitik herunter.

Tabelle 1 bietet einen vergleichenden Überblick über einige Konzepte, die zur Analyse rechtsextremer Führer, Bewegungen und Gesellschaften eingesetzt wurden.

 

Begriff

Ebene der Analyse

Ist Gewalt zentral?

Verhältnis zur Demokratie

Dominante Kontrollformen

Beispiele

Autoritarismus

Mikro → Makro (Persönlichkeit → Regime)

Instrumentell

Schränkt Pluralismus ein, akzeptiert eingeschränkte Wahlen

Führerprinzip, Hierarchien, Sündenbockpolitik, Patriarchat

Adorno et al. (1950); Fromm (1941/1969)

Autokratie

Makro (politisches Regime)

Optional

Beseitigt den Pluralismus; unterdrückt die Opposition

Einparteienherrschaft

Croissant & Tomini (2024)

Faschismus

Alle Ebenen; vollständige gesellschaftliche Form

Konstitutiv / verherrlicht

Antidemokratisch, terroristisch

Gewalt, Terror, Nationalismus

Paxton 2004; Neumann 1944/2018

Populismus

Meso (Bewegung / Diskurs)

Typischerweise rhetorisch

Forderungen nach einer Demokratisierung der Repräsentation

Framing: „Das Volk gegen die Elite“, affektive Kommunikation

Laclau (2005); Bobba (2021); Gerbaudo (2018; 2024)

Tabelle 1: Einige Kategorien, die in der wissenschaftlichen Literatur zur Charakterisierung der extremen Rechten verwendet werden

Der Vorteil des Begriffs „Autoritarismus“ gegenüber den anderen in Tabelle 1 genannten Konzepten (Autokratie, Faschismus, Populismus) besteht darin, dass er von der Mikro- bis zur Makroebene skalierbar ist. Im nächsten Schritt meiner Argumentation werde ich mein eigenes Modell des Autoritarismus vorstellen.

Jede soziale Gruppe, jedes System und jede Gesellschaft funktioniert auf der Grundlage von vier Schlüsselelementen: a) Organisationsprinzipien, b) eine gemeinsame Identität und Praktiken, die Menschen miteinander verbinden und ihrem Leben einen Sinn geben, c) Methoden zur Definition und Gestaltung der Verhältnisse zur Außenwelt und d) Methoden zur Bewältigung und Lösung von Problemen.

Diese vier Merkmale beschreiben die interne Organisation eines sozialen Systems (a und b) und dessen Verhältnisse zu anderen sozialen Systemen und zur Gesellschaft (c, d). Der von mir verwendete Ansatz ist keine Systemtheorie, sondern eine kritische Gesellschaftstheorie, die ich an anderer Stelle erarbeitet habe (siehe beispielsweise Fuchs 2020) und die auf der Dialektik menschlicher Praktiken und sozialer/gesellschaftlicher Strukturen sowie der Dialektik zwischen Menschen und sozialen Systemen basiert.

Auf allen Ebenen der gesellschaftlichen Organisation (Mikro-, Meso-, Makroebene) betonen und fördern Befürworter:innen des Autoritarismus die folgenden Aspekte:

 

a)  hierarchische, von oben nach unten gerichtete Autorität und das Führungsprinzip als Grundlage von Organisationen;

b)  Nationalismus als Grundlage der Identität – definiert durch den Glauben, dass eine biologisch oder kulturell konstruierte Nation anderen überlegen ist,

c)  eine Weltanschauung, die sich um eine strikte Freund/Feind-Unterscheidung herum strukturiert und die Nation als in Konflikt mit konstruierten Bedrohungen wie Einwanderern, Flüchtlingen, Sozialist:innen, Liberalen, Marxist:innen oder religiösen Gruppen stehend darstellt – eine Sichtweise, die sich oft in Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisozialismus, Antiliberalismus und Antisemitismus manifestiert,

d)  ein militantes Patriarchat, das den Soldaten als Vorbildbürger verherrlicht, patriarchalische Geschlechterrollen propagiert, Frauen in untergeordnete Rollen verbannen möchte und Gewalt (durch Law & Order-Politik, Militarismus oder Terror) als bevorzugtes Mittel zur Bewältigung von Konflikten und gesellschaftlichen Problemen hochhält.

 

Zusammen definieren diese vier Elemente die Kernmerkmale des rechten Autoritarismus. Diese vier Dimensionen sind Aspekte, die den Kern der Konzepte der Frankfurter Schule zum Autoritarismus bilden, wozu beispielsweise die autoritäre Persönlichkeit, die autoritäre Gesellschaft und Adornos F-Skala zählen. Abbildung 1 veranschaulicht ein Modell des rechten Autoritarismus.

Abbildung 1: Ein Modell des Autoritarismus

Der Autoritarismus zeichnet sich zwangsläufig durch Führerkult und Top-down-Hierarchien aus, was bedeutet, dass er antidemokratisch ist. Weitere Elemente sind der Nationalismus als Konstruktion einer fiktiven Ethnizität als kollektive Identität, die von Klassenstrukturen ablenkt; die Schuldzuweisung an bestimmte Gruppen, die für die Übel des Kapitalismus und der Klassengesellschaft verantwortlich gemacht werden; und die Propagierung von Repressionen gegen diese Gruppen. Das bedeutet, dass die vier Merkmale in Abbildung 1 notwendige Merkmale des Autoritarismus sind.

In Abbildung 1 symbolisieren die schwarzen Pfeile oben zwischen Individuum, Gruppe, Institutionen und Gesellschaft, dass es sich hierbei um emergente organisatorische Ebenen des Autoritarismus handelt, wobei jede neue Ebene mit der darunterliegenden Ebene interagiert. Die strichlierten Pfeile zeigen, dass die vier Dimensionen des Autoritarismus nicht unabhängig voneinander sind, sondern sich gegenseitig beeinflussen.

Der rechte Autoritarismus reagiert auf Krisen in Politik und Wirtschaft mit Ideologien, die an die Psyche und Gefühle derjenigen appellieren, die sich ausgeschlossen fühlen. Menschen, die Unsicherheit und Unzufriedenheit erleben, haben oft ein zwiespältiges Verhältnis zu Liebe und Hass. Sie suchen nach einem neuen Identitätsgefühl und Hoffnung, wollen aber gleichzeitig auch Ventile für ihre Wut und Aggressionen finden. Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens wie Trump institutionalisieren diese Angst durch TruthSocial, X/Twitter und andere Formen der Massenkommunikation, indem sie den Menschen die Möglichkeit bieten, sich mit der Nation und deren Führer zu identifizieren und gleichzeitig ihre Feindseligkeit auf Sündenböcke zu richten. Der rechte Autoritarismus operiert mit psychischen Triebe – negative Ängste, Wünsche, Emotionen, Instinkte und Affekte. Er stützt sich selten auf rationale Debatten, sondern bedient sich stattdessen einer postfaktischen politischen Psychologie und Ideologie. Der rechte Autoritarismus ist jedoch nicht irrational. Er ist eine rationale Form der Irrationalität. Autoritäre Führer, Bewegungen und Parteien instrumentalisieren und organisieren menschliche Ängste und Befürchtungen rational und schüren Hass gegen Sündenböcke. Sie organisieren die Ängste von Gruppen, dass sie „in ihrem Prestige, ihrem Einkommen oder in ihrer Existenz bedroht“ sind (Neumann 1978, 447). Franz L. Neumann (1978, 451-452) argumentiert in diesem Zusammenhang, dass faschistische Bewegungen „die Angst institutionalisieren“ und dazu drei Methoden verwenden – „der Terror, die Propaganda und, für die Anhänger des Führers, das gemeinsam begangene Verbrechen“. Neumann sieht einen Zusammenhang zwischen Angst und faschistischer Politik. Faschist:innen streben die Schaffung dessen an, was Neumann als Verfolgungsangst bezeichnet, die Verfolgung von Sündenböcken.

Eva von Redecker analysiert den Faschismus anhand des Konzepts des Phantombesitzes. Laut Redecker (2020) ist Phantombesitz die „unrealistische Fantasie, dass vollständige Souveränität über lebende, handelnde, selbstbewusste Wesen erreicht werden könnte” und die „Akkumulation von Ansprüchen” gegenüber „unterdrückten Anderen” (35). Der „Phantombesitz bietet auf einer symbolischen Ebene soziale Sicherheit“ (53). Redecker argumentiert, dass die beiden Hauptformen von Phantombesitz und fiktivem Eigentum Rasse und Geschlecht sind, insbesondere in Form des Weißseins und der Männlichkeit, die ihre Wurzeln in der Sklaverei und im Patriarchat haben (49). In rassistischen Verhältnissen kontrollieren weiße Menschen „den Aufenthaltsort und die Menschlichkeit schwarzer Menschen“ (52), während im Patriarchat Männer über die Reproduktionsfähigkeit von Frauen verfügen können, einschließlich des weiblichen Körpers, der Hausarbeit und der Sorgearbeit (46).

Redecker (2020) argumentiert, dass der Aufstieg des Neo-Autoritarismus und Neofaschismus als gewaltsame Verteidigung des Phantombesitzes durch den „Angriff des finanzialisierten Kapitalismus auf alle Formen materieller sozialer Absicherung“ bedingt ist und eine „Reaktion auf – eine Eifersucht gegenüber – progressiver Identitätspolitik“ darstellt (55). In diesem Zusammenhang werden bestimmte Gruppen als „Verursacher des Verlusts“ und „Diebe“ von Phantombesitz dargestellt (57).

Redecker (2026) schreibt, dass Faschismus mit „Verteidigung von Phantombesitz“ (20) sowie mit „Selbstverteidigung gegen Plünderer“ (17) zu tun hat. „Faschismus ist liquidierende Phantombesitzverteidigung“ (20). Die Feinde sind „diejenigen, die ein Quasi-Eigentum angreifen und die deshalb liquidiert gehören“ (17). Der Phantombesitz ist vom „eigentlichen, materiellen Eigentum […] entkoppelt“ (17). Beispiele, die Redecker nennt, sind Nation, Familie, Verbrennermotoren, der Heizungskeller, Kinder, die deutsche Sprache oder die Meinungsfreiheit (17).

Redecker präsentiert ein wichtiges materialistisches Argument, indem sie darauf hinweist, dass der Kapitalismus versucht, die Logik des Privateigentums so auszuweiten, dass viele Phänomene als Privateigentum gelten oder erscheinen, das individuell kontrolliert, veräußert oder zerstört werden kann. Sie argumentiert, dass der Autoritarismus Verlustängste manipuliert und schürt. Bei der Analyse des ideologischen Kontexts von Faschismus und Autoritarismus legt sie jedoch mehr Gewicht auf Rassismus und Patriarchat als auf die Wirtschaft. Im Kapitalismus sind Geld, Kapital und Waren von grundlegender Bedeutung. Viele Verlustängste in kapitalistischen Gesellschaften beziehen sich auf wirtschaftliche Strukturen, insbesondere auf die Angst vor dem Verlust von finanziellem Wohlstand, einschließlich Löhnen, Ersparnissen, Arbeitsplatzsicherheit, Lebensstandard, bezahlbarem Wohnraum, erschwinglichen Lebensmitteln und dem Zugang zu kostenlosen öffentlichen Dienstleistungen. Beispielsweise geben in der Umfrage „Living and Working in the EU 2025” 59 Prozent der Befragten mit niedrigem Einkommen an, dass sie es sich nicht leisten können, ihre Wohnungen zu kühlen, 72 Prozent können sich keinen Urlaub leisten, 68 Prozent keine Freizeitaktivitäten und 80 Prozent keine neuen Möbel. Die anhaltende Lebenshaltungskostenkrise und eine hohe Inflation sind wichtige wirtschaftliche Themen, die Ängste vor Verlusten hervorrufen. Redecker unterschätzt die Bedeutung dieser wirtschaftlichen Faktoren. Patriarchat und Rassismus haben immer wirtschaftliche Aspekte, etwa die geschlechtsspezifische Hausarbeit und rassistische Arbeit, können jedoch nicht auf die Wirtschaft reduziert oder von ihr abgeleitet werden. Nicht nur Phantombesitz, sondern auch in erheblichem Maße wirtschaftliche Eigentums- und Warenstrukturen prägen den Faschismus und den Autoritarismus.

Autoritäre und faschistische Kräfte nutzen die Ängste der Menschen ideologisch aus, indem sie Sündenböcke schaffen, denen sie den tatsächlichen oder vermeintlichen Verlust von Eigentum und Besitztümern, einschließlich Reichtum/Geld, Status/Macht und Identität/Ansehen, anlasten. Im Kapitalismus werden diese Ressourcen akkumuliert, was zur Bildung und Reproduktion sozialer Klassen führt. Infolgedessen sind Verlustängste Ängste vor dem Verlust der eigenen Position innerhalb bestehender Strukturen. Der ideologische Aspekt des Freund/Feind-Schemas beinhaltet entweder die Erfindung gesellschaftlicher Probleme (ein Problem wird imaginiert, herbeigeredet oder übertrieben dargestellt) oder die Erfindung von Ursachen für gesellschaftliche Probleme (eine bestimmte Gruppe wird für bestimmte tatsächlich vorhandene gesellschaftliche Probleme verantwortlich gemacht). Das phantomhafte oder imaginäre Element des Besitzes im Freund/Feind-Schema besteht darin, dass Ideolog:innen versuchen, die Angst vor Verlust zu schüren, indem sie Probleme oder deren Ursachen erfinden.

Marx (1867, 86) argumentiert, dass gesellschaftliche Verhältnisse im Fetischcharakter der Ware „die phantasmagorische Form eines Verhältnisses von Dingen“ annehmen. Für Lukács führt der Warenfetischismus zur Verdinglichung – der Präsentation von Menschen und Gesellschaft als Dingen, sodass „eine Beziehung zwischen Menschen den Charakter eines Dings annimmt und dadurch eine ‚Phantomobjektivität‘ erhält“ (Lukács 1923/1972, 83). Autoritäre und faschistische Ideologien funktionieren fetischistisch, indem sie die tatsächlichen gesellschaftlichen Verhältnisse und Realitäten durch die Schaffung von Sündenböcken – Phantomursachen und illusorischen Problemen – verschleiern. Sie verdinglichen Gruppen als Sündenböcke und versuchen, ihnen ihre Menschlichkeit abzusprechen, indem sie sie als wertlose Wesen darstellen, die Verachtung, Marginalisierung und Vernichtung verdienen. Zu diesen Sündenböcken können verschiedene Gruppen gehören, insbesondere, aber nicht ausschließlich, rassifizierte Bevölkerungsgruppen und Frauen sowie Arme, Arbeitslose, Intellektuelle, Juden, Sozialist:innen, Arbeiter:innen und verschiedene soziale Klassen.

Entfremdung bedeutet für Marx (1844, 522) den „Verlust des Gegenstandes an eine fremde Macht“. Im Kapitalismus beschränkt sich Entfremdung nicht nur auf die Wirtschaft, sondern ist, wie David Harvey (2018) betont, universelle Entfremdung: Der Kapitalismus zielt darauf ab, Entfremdung universell zu machen, sodass man sagen kann, Armut und Reichtum „bedingen sich wechselseitig“ (Marx 1857/1858, 218), was nicht nur monetäre Armut und monetären Reichtum umfasst, sondern auch Reichtum und Armut in Bezug auf Macht, Status, Ansehen und Identität. Faschismus und Autoritarismus nutzen die Angst vor Entfremdung aus und schüren sie, wobei es sich stets um die Angst der Subjekte vor dem Verlust von Objekten handelt.

Die Entfremdung spielt im Kontext von Autoritarismus und Faschismus eine doppelte Rolle. Krisen des Kapitalismus und der Gesellschaft vertiefen verschiedene Formen der Entfremdung, darunter die objektive Entfremdung des Menschen von der Natur, der Wirtschaft, dem politischen System, der Kultur und der Gesellschaft als Ganzes. Im Freund-Feind-Schema versuchen Ideologen, Ängste vor Entfremdung, insbesondere deren subjektiven Aspekt, das Gefühl der Entfremdung, zu wecken und zu mobilisieren. Franz Neumann (1978, 424-459; 1957/2017) argumentiert in diesem Zusammenhang, dass der Autoritarismus versucht, Entfremdung mit Angst zu verknüpfen.

Marx (1844, 516-517) argumentiert, dass Entfremdung die Entfremdung des Menschen a) von der Natur, b) von seiner Lebenstätigkeit, d. h. der Produktion und ihren Produkten, c) von sich selbst (Körper und Geist) und d) von anderen Menschen betrifft. Krisen haben entfremdende Eigenschaften, weil sie a) als ökologische Krisen den Stoffwechsel zwischen Gesellschaft und Natur stören und das Leben auf der Erde erschweren oder unmöglich machen; b) als wirtschaftliche und politische Krisen den Menschen die Kontrolle über die Früchte seiner Arbeit und die politische Macht, etwas in der Gesellschaft zu bewegen, entziehen können; c) als kulturelle Krisen und Identitätskrisen die Reproduktion und Integrität des menschlichen Geistes und Körpers zerstören können, indem sie den Menschen Anerkennung, Gesundheit und echtes Wissen vorenthalten; und d) als politische und soziale Krisen die Macht und den Status in Frage stellen können, die notwendig sind, um etwas in der Gesellschaft zu bewegen. Ökologische Krisen führen zum Verlust der natürlichen Lebensgrundlage, Wirtschaftskrisen zum Verlust von Wohlstand, kulturelle Krisen zum Verlust von Anerkennung und Integrität und politische Krisen zum Verlust von Macht. In autoritären und faschistischen Systemen dienen natürliche, wirtschaftliche, politische und kulturelle Ressourcen sowohl als a) Faktoren in realen Krisen, die die Entfremdung verstärken und die Wahrscheinlichkeit von Faschismus und Autoritarismus erhöhen, als auch b) als Ängste vor Entfremdung, die von Ideologen geschürt werden. Es gibt sowohl die reale als auch die fiktive Subsumption der Entfremdung unter den Faschismus.

2.3.   Eine Definition des Faschismus

Der Faschismus manifestiert sich auf verschiedenen Ebenen des gesellschaftlichen Lebens – dem Individuum, der Gruppe, den Institutionen und der Gesellschaft. Faschismus auf einer Ebene führt nicht zwangsläufig zu Faschismus auf der nächsten, aber höhere Ebenen setzen die Existenz von Faschismus auf niedrigeren Ebenen voraus. So hängt beispielsweise eine faschistische Gesellschaft von faschistischen Individuen, Gruppen und Institutionen ab, aber das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.

Welche Rolle spielt die Gewalt? Was ist Gewalt? „Gewalt ist die beabsichtigte, unbeabsichtigte oder angedrohte körperliche Schädigung eines Menschen“ (Fuchs 2025, 14). „Gewalt ist eine Form der Macht, die eingesetzt wird, um andere zu beherrschen, Angst zu erzeugen und ihr Verhalten zu beeinflussen. Sie wird von Einzelpersonen, Gruppen und Staaten eingesetzt und reguliert. Sie wird von Mitgliedern dominanter Gruppen gegen Mitglieder schwächerer sozialer Gruppen sowie als Reaktion eingesetzt“ (Walby 2009, 198). Das zentrale Merkmal des Faschismus ist, dass er Gewalt als wichtigstes politisches Mittel und Organisationsprinzip der Gesellschaft bevorzugt, propagiert, einsetzt und institutionalisiert. Gewalt existiert in vielen Gesellschaften, einschließlich demokratischer Gesellschaften, in denen der Staat ein Monopol auf Gewalt ausübt, die unter demokratisch festgelegten Bedingungen angewendet wird. Der Hauptunterschied zwischen Demokratien und Faschismus besteht darin, dass im ersten Systemtyp politische Debatten und kollektive Entscheidungsfindung in Form demokratischer Institutionen, denen Gruppen mit unterschiedlichen Ansichten angehören, Vorrang vor Gewalt haben, während der Faschismus demokratische Debatten, Kritik und politische Opposition einschränkt oder ganz abschafft und demokratische Institutionen durch die Institutionalisierung von Terror als wichtigstes politisches Prinzip ersetzt. Im Faschismus, kommt die Macht „aus den Gewehrläufen“ (Arendt 1970, 15), während sie in der Demokratie als „Produktivkraft kommunikativer Freiheit” entfesselt wird (Habermas 1992, 188).

Demokrat:innen versuchen, politische Streitigkeiten durch Debatten als Form der politischen Kommunikation in der Öffentlichkeit, durch Wahlen, Kampagnen, friedliche Proteste, Verhandlungen, Streiks und andere gewaltfreie Mittel der politischen Interaktion beizulegen. Daher ist der Faschismus als Institutionalisierung von Gewalt in der Form von Terror gegen politische Gegner und andere Sündenböcke und als Krieg als Mittel der imperialistischen Expansion von Natur aus antidemokratisch. „Der Faschismus, der die extremste rechte politische und wirtschaftliche Struktur und Ideologie darstellt, ist auch die virulenteste antidemokratische Form des Ethnozentrismus. […] Die politökonomische Ideologie der Faschisten ist durchweg reaktionär […], da sie offen antidemokratisch ist. Die Faschisten zeigen eine ausdrückliche Bereitschaft, Gewalt gegen die Arbeiterklasse anzuwenden, gegenüber der sie eine intensive Statusangst offenbaren. Sie zeigen auch Verachtung für Ideale der Gleichheit” (Adorno et al. 1950, 151, 840).

Auf der Grundlage dieser konzeptionellen Grundlagen verstehe ich Faschismus wie folgt:

„Wir können Faschismus als antidemokratische, antisozialistische und terroristische Ideologie, Praxis und Organisationsform von Gruppen, Institutionen und Gesellschaften definieren, die in der Kombination von a) dem Führungsprinzip, b) Nationalismus, c) dem Freund/Feind-Schema und d) dem militanten Patriarchat (Idealisierung des Soldaten, Praxis des Patriarchats, Unterordnung der Frauen, Krieg, Gewalt und Terror als politische Mittel) sowie dem Einsatz von Terror gegen konstruierte Feinde besteht. Er zielt darauf ab, eine faschistische Gesellschaft zu errichten, die auf dem Einsatz von Terror und der Institutionalisierung der vier faschistischen Prinzipien in der Gesellschaft basiert, versucht, Personen zu mobilisieren, die den Verlust von Eigentum, Status, Macht und Ansehen angesichts der Antagonismen des Kapitalismus fürchten als seine Anhänger zu mobilisieren, und spielt eine ideologische Rolle in kapitalistischen Gesellschaften und Klassengesellschaften, indem Sündenböcke für die Übel der Gesellschaft verantwortlich gemacht werden und die Probleme der Gesellschaft als ein Antagonismus zwischen der Nation, Fremden und Feinden der Nation darstellt, so dass der Faschismus die Aufmerksamkeit von den systemischen Rollen der Klasse und des Kapitalismus bei Gesellschaftsproblemen und vom Klassenwiderspruch zwischen Kapital und Arbeit ablenkt. Der Faschismus propagiert oft einen eindimensionalen, einseitigen und personalisierenden ‚Antikapitalismus‘, der die Nation als politischen Fetisch und als Antagonismus zwischen der Einheit von Kapital und Arbeit einer Nation auf der einen Seite und einer bestimmten Form von Kapital oder Wirtschaft oder Produktion oder Gemeinschaft auf der anderen Seite konstruiert, die als zerstörerisch für das wirtschaftliche, politische und kulturelle Überleben der Nation dargestellt wird“ (Fuchs 2022, 316).

In dieser Definition spiegelt sich der mehrstufige organisatorische Charakter des Faschismus in der Formulierung wider, wonach es sich um eine „Ideologie, Praxis und Organisationsform“ handelt. Dabei ist zu beachten, dass der politische Fetischismus in dieser Definition auf Marx‘ Begriff des Warenfetischismus basiert, aber darüber hinausgeht. Für Marx hat der Fetischismus mit einer ideologischen Ästhetik der Waren zu tun, die das Soziale und das Gesellschaftliche hinter dem Dingcharakter von Geld und Waren verbirgt. Im politischen Fetischismus werden politische Kategorien wie die Nation verdinglicht und naturalisiert; sie nehmen den Charakter von Dingen an, die die Rolle der Klassenverhältnisse in der Gesellschaft verschleiern. Laut Daniel Woodley bedeutet der politische Fetischcharakter des Faschismus, dass er „durch eine Mythologie der Einheit und Identität versucht, ein ‚gemeinsames instinktives Schicksal‘ (einen einheitlichen gesellschaftlichen Status) zwischen bürgerlichen und proletarisierten Gruppen zu projizieren und dabei die Realität der sozialen Unterschiede in differenzierten Klassengesellschaften ausblendet“ (Woodley 2010, 17).

Die drei wesentlichen Subsysteme der Gesellschaft sind Wirtschaft, Politik und Kultur (Fuchs 2020, Kapitel 3). Das bedeutet, dass eine faschistische Gesellschaft eine faschistische Wirtschaft, ein faschistisches politisches System und eine faschistische Kultur umfasst. Über die Wirtschaft organisieren Menschen ihr Verhältnis zur Natur. In all diesen Bereichen nutzen Menschen Technologien zur Organisation der Gesellschaft, sodass Technologie kein System ist, sondern ein Mittel, das quer durch die gesamte Gesellschaft eingesetzt wird. In der Wirtschaft produzieren die Menschen Gebrauchswerte, die menschliche Bedürfnisse befriedigen. Im politischen System treffen Menschen kollektiv verbindliche Entscheidungen (Entscheidungen, die für alle gelten), die in der Form von Regeln oder Gesetzen umgesetzt werden. Dies betrifft nicht nur das formale politische System (Parlamente, Staat, Regierung), sondern auch die Öffentlichkeit, wozu soziale Bewegungen, Bürger:innen, politische Debatten, Nachrichtenmedien usw. gehören. In der Kultur üben Menschen Praktiken aus, durch die sie Geist und Körper reproduzieren. In faschistischen Gesellschaften nehmen die Subsysteme der Gesellschaft eine besondere Form an, nämlich den diktatorischen Kapitalismus, den Terrorstaat und die Propagandakultur (siehe Tabelle 2).


 

 

Gesellschaftsbereich

Faschistische Gesellschaft

Wirtschaft

Der diktatorische Kapitalismus:
Wirtschaftliche Organisationen sind diktatorisch organisiert. Die Gesellschaft ist eine Klassengesellschaft. Organisationen der Arbeiterklasse wie Parteien und Gewerkschaften werden unterdrückt. Streiks von Arbeiter:innen werden nicht toleriert und sind verboten. Wirtschaft und Gesellschaft sind kapitalistisch geprägt. Kapitalist:innen, die um die Möglichkeiten der Kapitalakkumulation fürchten, neigen dazu, faschistische Regime aktiv zu unterstützen.

Faschistische Gesellschaften sind Klassengesellschaften, in denen Klassen oft geleugnet werden, indem betont wird, dass die Nation und der Nationalismus alle Bürger:innen vereinen und Spaltungen überwinden, während reale Klassenunterschiede bestehen bleiben. Die kapitalistische Wirtschaft wird in der Regel von großen privaten Monopolunternehmen oder einer Kombination aus privaten kapitalistischen Monopolen und staatskapitalistischen Monopolen dominiert.

Sündenböcke und konstruierte Feinde werden oft durch Arbeit (Zwangsarbeit, Versklavung, Arbeitslager, Tod durch Arbeit) oder auf andere Weise unterdrückt oder getötet.

Politik

Der Terrorstaat:
Die Politik ist ein diktatorisches Einparteiensystem oder Ein-Personen-System, das entweder offen gegen die Demokratie opponiert oder sich selbst als demokratisch bezeichnet, ohne demokratisch zu sein. Kapitalistische und dominante politische und ideologische Interessen werden mit Gewalt und Terror durchgesetzt, die die wichtigsten Mittel der Politik sind. Die politische Opposition wird mit ideologischen und/oder gewaltsamen Mitteln unterdrückt, um sie machtlos zu machen oder zum Verschwinden zu bringen.
Die Öffentlichkeit wird kontrolliert und zensuriert, sodass Proteste, soziale Bewegungen, politische Debatten, zivilgesellschaftliche Organisationen, Nachrichten und öffentliche Meinungen, die das Regime kritisieren, verboten, unterdrückt oder marginalisiert werden. Es gibt keine freien Medien, keine Meinungs- und Ausdrucksfreiheit und keine Pressefreiheit. Minderheitenrechte, Bürger:innenrechte und Menschenrechte haben wenig oder gar keine Bedeutung.
Der Nationalstaat und die Nation werden in extremen Formen des Nationalismus fetischisiert.
Die Gesellschaft ist stark militarisiert:
a) Es gibt eine Politik der öffentlichen Ordnung, Überwachung und des Einsatzes repressiver Staatsapparate (Polizei, Geheimdienste, Strafvollzug) gegen politische Oppositionelle und Sündenböcke.
b) Es gibt einen starken Fokus auf militärische Verteidigung gegen ausländische Feinde, um das Regime zu schützen und möglicherweise seine Grenzen durch imperialistische Kriege zu erweitern. Krieg wird als wichtiges politisches Mittel in den internationalen Beziehungen angesehen, das oft der Diplomatie vorgezogen wird.

Kultur

Die Propagandakultur:
Alltag, Privatleben, Bildung, Unterhaltung, Medien, Sport, das Mensch-Natur-Verhältnis, die Geschlechterverhältnisse, Freiwilligen- und Freizeitorganisationen sowie die Konsumkultur unterliegen einer starken ideologischen und politischen Kontrolle, sodass sie zu Instrumenten der Politik werden, die ständig die Ideologie des Regimes, den Kult um den Führer und/oder das System, Nationalismus, Militarismus, Hass auf Sündenböcke und politische Feinde usw. propagieren. Es herrscht die Drei-F-Kultur: Fake News, Furcht und Fanatismus.
Ideologie wird ständig produziert und reproduziert, um eine Kultur des Hasses aufrechtzuerhalten, die Hass gegen bestimmte Gruppen , wie Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, patriarchalische Ideologie, Homophobie usw. beinhaltet.

Tabelle 2: Die drei Bereiche faschistischer Gesellschaften

Nachdem wir uns mit einigen Grundlagen der Analyse des Faschismus befasst haben, werden wir uns als Nächstes mit der Frage beschäftigen, was die Kernmerkmale des Digitalen sind.

3.   Digitalität

3.1.   Die Theoretisierung des Digitalen

Die Verflechtung militärischer und wirtschaftlicher Interessen hat technologische Innovationen in erheblichem Maße vorangetrieben. Während des Zweiten Weltkriegs wurden die ersten echten Computer gebaut und als Maschinen zur Ver- und Entschlüsselung von Nachrichten eingesetzt (Williams 1997). Colossus war ein Computersystem, das von 1943 bis 1944 in Großbritannien gebaut wurde und von der britischen Armee zum Knacken der Lorenz-Chiffre der deutschen Armee verwendet wurde, die zur Verschlüsselung der militärischen Kommunikation diente. Bombe wurde von 1939 bis 1940 von Alan Turing konstruiert und war eine elektromechanische Maschine zur Decodierung der Enigma-Chiffren der Nazis. Der Rechner hatte keinen Speicher und führte keine Allzweckprogramme aus. Es gab ein Entschlüsselungsprogramm, das fest in die Maschine eingebaut war und nicht geändert werden konnte, sodass es sich nicht um eine softwaregesteuerte Maschine handelte. Deshalb kann man Bombe nicht als Computer, sondern als Entschlüsselungsmaschine betrachten. Die Ursprünge des Internets als ARPANET sind eng mit dem Interesse der USA an der Schaffung sicherer Kommunikationsnetze im Kontext des Kalten Krieges verbunden. Ein aktuelles Beispiel dafür, wie die Verflechtung von Militär und Wirtschaft die technologische Entwicklung vorantreibt, ist die Entwicklung von militärischen Drohnen im Kontext des Ukraine-Krieges und des neuen Kalten Krieges. Diese Beispiele zeigen, dass digitale Maschinen nicht nur in rein wirtschaftlichen Kontexten entstehen, sondern auch im Kontext von Kriegsführung, Militär und der Verbindung von Krieg und Wirtschaft.

Digitale Medien haben zwei wesentliche Merkmale: 1) Konvergenz und 2) Prosumtion (produktive Konsumtion). Bei elektronischen Massenmedien wie Radio und Fernsehen gab es unterschiedliche Technologien für Produktion, Vertrieb und Konsum. Der Computer ist eine Konvergenztechnologie, da digitale Hardware die Konvergenz unterschiedlicher Technologien in einer digitalen Technologie ermöglicht, genauso wie verschiedene Arten von Inhalten in digitalen Inhalten kombiniert werden. Das bedeutet, dass der Computer eine Konvergenzmaschine ist. Ressourcen werden produziert, verbreitet und konsumiert. Digitale Konvergenz im Zusammenhang mit der Produktion bedeutet, dass die Produktion potenziell mit dem Konsum von Informationen (Prosumtion) verschmilzt, sodass die Konsument:innen von Informationen, die Zugang zu digitalen Produktionsmitteln haben, in die Lage versetzt werden, Informationen zu produzieren.

Marx wies auf die Dialektik von Produktion und Konsum hin und verwendete den Begriff des produktiven Konsums. „Die Produktion als unmittelbar identisch mit der Konsumtion, die Konsumtion als unmittelbar zusammenfallend mit der Produktion, nennen sie produktive Konsumtion“ (Marx 1857/1858, 25). Er argumentiert, dass die Produktion Produktionsmittel konsumiert und dass der Konsum zu neuer Produktion führt. Marx sah Produktion und Konsum als dialektische Pole der Wirtschaft. Zwar gibt es immer eine Dialektik von Produktion und Konsum, doch im Kapitalismus des 20. Jahrhunderts haben wir eine neue Stufe dieser Dialektik erlebt, nämlich die Konvergenz von Produktion und Konsum zur Prosumtion (Ritzer 2015).

Die Medienprosumtion wurde bereits vor dem Aufkommen des Computers in den 1920er Jahren von Bertolt Brecht in seiner Radiotheorie vorweggenommen: „Der Rundfunk wäre der denkbar großartigste Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens, ein ungeheures Kanalsystem, das heißt, er wäre es, wenn er es verstünde, nicht nur auszusenden, sondern auch zu empfangen, also den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn in Beziehung zu setzen. Der Punkt ist, dass Brecht im Konjunktiv spricht („wäre“). Er stellt sich ein zukünftiges Radiosystem vor, das mit der Erfindung des Internets tatsächlich Realität wurde. Brecht und Enzensberger, der auf Brechts Analyse aufbaute, waren der Meinung, dass Prosumtionstechnologien zwangsläufig demokratisch und sozialistisch seien, weshalb Enzensberger (1970) zwischen faschistischen und kapitalistischen Massenmedien als repressiver Mediennutzung und Prosumtionstechnologien als emanzipatorischer Mediennutzung unterschied. „[E]ine jede sozialistische Strategie der Medien [muss] die Isolation der einzelnen Teilnehmer am gesellschaftlichen Lern- und Produktionsprozess aufzuheben trachten“ (Enzensberger 1970, 169). Enzensberger war der Ansicht, dass Medientechnologien, die „dezentralisierten Programme“ haben, die Möglichkeit unterstützen, dass jeder „Empfänger ein potentieller Sender ist“ und die „Interaktion der Teilnehmer“ ermöglichen (Enzensberger 1970, 173), zwangsläufig demokratisch-sozialistisch seien. Das Internet verfügt über all diese Medienmerkmale, ist jedoch nicht vollständig demokratisch, sondern zeichnet sich sowohl durch demokratische als auch durch faschistische Kommunikation aus, was zeigt, dass Prosumtion nicht unbedingt sozialistisch und demokratisch ist, sondern auch für faschistische Zwecke genutzt werden kann. Kommunikationstechnologien sind nicht, wie Enzensberger fälschlicherweise annimmt, von Natur aus sozialistisch, kapitalistisch, demokratisch, faschistisch usw. Gesellschaftliche Produktionsweisen prägen Kommunikationstechnologien und werden von ihnen geprägt. Das bedeutet nicht, dass die Kommunikationsmittel neutral sind, sondern dass sie nicht in einem Vakuum existieren. Kommunikationsmittel werden durch die Antagonismen der Gesellschaft geprägt und nehmen in einer antagonistischen Gesellschaft wahrscheinlich unterschiedliche, antagonistische Designs, Verwendungszwecke, Formen usw. an. Das bedeutet, dass es faschistische Formen und Arten der Konvergenz und Prosumtion gibt.

3.2.   Digitale Konvergenz

Konvergenz hat a) technologische und b) soziale Aspekte, die c) miteinander interagieren. Zu den traditionellen Medien gehören beispielsweise Fotografie, gedruckte Texte, Telekommunikation, Radio und audiovisuelle Medien (Kino, Fernsehen). a) „Medien und Computer […] verschmelzen zu einer Einheit. Alle vorhandenen Medien werden in numerische Daten übersetzt, die für Computer zugänglich sind. Das Ergebnis: Grafiken, bewegte Bilder, Töne, Formen, Räume und Texte werden berechenbar, d. h. sie werden zu einer weiteren Reihe von Computerdaten” (Manovich 2002, 48). b) In vernetzten digitalen Medienräumen wie dem Internet verschwimmen die Grenzen zwischen verschiedenen sozialen Praktiken, sozialen Rollen, sozialen Systemen und unterschiedlichen Öffentlichkeiten, sodass Menschen auf Internetplattformen mithilfe einzelner Profile in einer Vielzahl von Rollen, mit einer Vielzahl von Praktiken und in einer Vielzahl unterschiedlicher Öffentlichkeiten agieren können. c) Der vernetzte Computer ist eine Konvergenztechnologie und universelle Maschine, die die Verflüssigung der Grenzen zwischen traditionellen Kommunikationsmitteln, verschiedenen Formen von Medieninhalten, Produktion und Konsum, Öffentlichkeit und Privatsphäre, Arbeitszeit und Freizeit, Arbeit und Spiel, Subjekt und Objekt, freien Gütern und Waren usw. vermittelt.

Ithiel de Sola Pool war ein Kommunikationstheoretiker, der zur Einführung des Begriffs der Medienkonvergenz beitrug. Er argumentiert, dass die Digitalisierung zu einer Konvergenz der traditionellen Medien führt: „Der entscheidende technologische Wandel, der den sozialen Veränderungen zugrunde liegt, besteht darin, dass die Kommunikation, abgesehen von persönlichen Gesprächen, zunehmend elektronisch erfolgt. Nicht nur wächst die elektronische Kommunikation schneller als die traditionellen Medien des Verlagswesens, sondern die Konvergenz der Verbreitungswege führt auch dazu, dass Zeitungen, Zeitschriften und Bücher in die elektronische Welt Einzug halten” (Pool 1983, 6). „Ein Prozess namens ‚Konvergenz der Medien‘ verwischt die Grenzen zwischen den Medien, sogar zwischen Punkt-zu-Punkt-Kommunikation wie Post, Telefon und Telegraf und Massenkommunikation wie Presse, Radio und Fernsehen. Ein einziges physisches Medium – seien es Drähte, Kabel oder Funkwellen – kann Dienste übertragen, die in der Vergangenheit auf unterschiedliche Weise bereitgestellt wurden. […] Die technologiegetriebene Konvergenz der Medien wird durch den wirtschaftlichen Prozess der Kreuzbeteiligung verstärkt” (Pool 1983, 23).

3.3.   Digitale Prosumtion

Im klassischen Kapitalismus des 19. und 20. Jahrhunderts waren Arbeit und Freizeit voneinander getrennt, und Medien sowie Technologien standen entweder im Arbeitskontext (z. B. Automatisierungstechnologien) oder im Freizeitkontext (z. B. Unterhaltungsmedien). In vernetzten digitalen Medienräumen wie dem Internet werden Informationskonsumenten zu potenziellen Informationsproduzenten, zu sogenannten Prosumenten (produktiven Konsumenten). Der vernetzte Computer (digitale Medien) ist nicht nur ein Medium der Information und Kommunikation, sondern auch ein Arbeitsmittel, ein Mittel der Kooperation und ein Produktionsmittel. Digitale Medien sind Mittel der Information/Kognition, Kommunikation und Koproduktion. Kognition wird hier als menschliche Gehirnaktivität verstanden, daher behaupte ich nicht, dass Computer und künstliche Intelligenz eine erweiterte Form der Kognition sind. Vielmehr ist Kognition ein menschlicher Prozess, der auf Maschinen nicht ablaufen kann. Digitale Maschinen simulieren lediglich Kognition, werden aber niemals in der Lage sein, zu denken und zu fühlen. „Die Benutzeroberfläche spielt in der Informationsgesellschaft noch auf eine andere Weise eine entscheidende Rolle. In dieser Gesellschaft werden nicht nur Arbeit und Freizeitaktivitäten zunehmend durch den Einsatz von Computern geprägt, sondern sie laufen auch über dieselben Benutzeroberflächen zusammen. Sowohl ‚Arbeits‘-Anwendungen (Textverarbeitungsprogramme, Tabellenkalkulationsprogramme, Datenbankprogramme) als auch ‚Freizeit‘-Anwendungen (Computerspiele, Informations-DVDs) nutzen dieselben Werkzeuge und Metaphern der grafischen Benutzeroberfläche (GUI). Das beste Beispiel für diese Konvergenz ist ein Webbrowser, der sowohl im Büro als auch zu Hause, sowohl für die Arbeit als auch zur Unterhaltung genutzt wird. […] Ein Subjekt der Informationsgesellschaft ist an einem typischen Tag mit noch mehr Aktivitäten beschäftigt: Eingabe und Analyse von Daten, Durchführen von Simulationen, Suchen im Internet, Spielen von Computerspielen, Ansehen von Streaming-Videos, Musik online anhören, Aktienhandel und so weiter. Doch bei all diesen unterschiedlichen Aktivitäten nutzt der Nutzer im Grunde immer dieselben wenigen Werkzeuge und Befehle: einen Computerbildschirm und eine Maus; einen Webbrowser; eine Suchmaschine; Befehle zum Ausschneiden, Einfügen, Kopieren, Löschen und Suchen” (Manovich 2002, 77).

Selbstbedienungstankstellen, Fast-Food-Restaurants, in denen die Kunden ihre eigenen Kellner sind, Selbstbedienungskassen in Supermärkten und Selbstabfertigungsautomaten an Flughäfen sind Beispiele für Prosumenten-Aktivitäten, also Tätigkeiten, bei denen Konsument:innen als Produzent:innen agieren. Der Futurist Alvin Toffler sah in der von ihm so bezeichneten dritten Welle eine Entwicklungsstufe der Gesellschaft, die auf Wissensarbeit und Computertechnologie basiert und auf die erste Welle der Landwirtschaft sowie die zweite Welle der Fertigungsindustrie folgt. Kurz gesagt argumentiert er, dass die dritte Welle den Aufstieg der postindustriellen Informationsgesellschaft bedeutet. Als Teil dieses Wandels sieht er den Aufstieg des Prosumenten, die „Verschmelzung von Produzent und Konsument“ (Toffler 1980, 337). „Der Aufstieg des Prosumenten, angetrieben durch die steigenden Kosten vieler kostenpflichtiger Dienstleistungen, durch den Zusammenbruch der Dienstleistungsbürokratien der zweiten Welle, durch die Verfügbarkeit von Technologien der dritten Welle, durch die Probleme der strukturellen Arbeitslosigkeit und durch viele andere zusammenwirkende Faktoren, führt zu neuen Arbeitsformen und Lebensgestaltungen“ (262).

Mit „Technologien der dritten Welle“ meint Toffler insbesondere Computertechnologien. Die Veränderungen im Kapitalismus haben zusammen mit dem Aufkommen der Computertechnologie die Entwicklung der Prosumtion vorangetrieben. Wenn wir heute werbefinanzierte Social-Media-Plattformen nutzen, sind wir das Produkt und die Ware, die an Werbekunden verkauft wird (Fuchs 2024). Die Werbetreibenden kaufen die Aufmerksamkeit der Nutzer:innen, die über Internetplattformen organisiert und verkauft wird. Die Nutzer:innen solcher Plattformen sind nicht nur Konsument:innen von Informationen, sondern auch Schöpfer von wirtschaftlichem Wert – digitale Prosumenten. Auf Social-Media-Plattformen nimmt die Prosumtion die Form des produktiven Online-Konsums an.

Bereits 125 Jahre vor Toffler beschrieb Karl Marx die Dialektik von Produktion und Konsum, als er von der produktiven Konsumtion sprach: „Die Produktion ist Konsumtion; die Konsumtion ist Produktion. Konsumtive Produktion. Produktive Konsumtion. […] Die Produktion ist nicht nur unmittelbar Konsumtion, und die Konsumtion unmittelbar Produktion; noch ist die Produktion nur Mittel für die Konsumtion und die Konsumtion Zweck für die Produktion, d.h., daß jede der andren ihren Gegenstand liefert, die Produktion äußerlichen der Konsumtion, die Konsumtion vorgestellten der Produktion; sondern jede derselben ist nicht nur unmittelbar die andre, noch die andre nur vermittelnd, sondern jede der beiden schafft, indem sie sich vollzieht, die andre; sich als die andre“ (Marx 1857/1858, 28).

Die Konvergenz hat dazu geführt, dass Computer und das Internet allgegenwärtig geworden sind und zu Schlüsseltechnologien der heutigen Gesellschaften avanciert sind, während die Medien-Prosumtion die Art und Weise verändert hat, wie wir uns informieren und kommunizieren, sodass nutzergenerierte Inhalte entstanden sind. Der Faschismus hat sich diese Affordanzen der digitalen Medien zunutze gemacht.

4.   Die zehn Facetten des digitalen Faschismus

4.1.   Objektive und subjektive Konzepte

Im Zusammenhang mit der Nutzung digitaler Medien durch die radikale Rechte wurden eine Reihe politischer und gesellschaftlicher Konzepte mit dem Begriff des Digitalen verknüpft, was zu neuen Kategorien geführt hat, wie zum Beispiel digitaler Autoritarismus (Gosztonyi2023, Maerz 2024, Pearson 2024, Roberts & Oosterom 2024), vernetzter Autoritarismus (MacKinnon 2011), digitale Autokratie (Frantz, Kendall-Taylor & Wright 2020; Sinpeng und Koh 2022), digitaler Populismus (Bartlett, Birdwell & Littler 2011; Bobba 2021; Gerbaudo 2018, 2024) und digitaler Faschismus (Degeling 2024, Demír 2025; Fielitz & Marcks 2019, 2022; Fuchs 2022; Klikauer & Simms 2021).

Ich bevorzuge die Verwendung sowohl des Begriffs „digitaler Autoritarismus“ als auch des Begriffs „digitaler Faschismus“ und stehe den Begriffen „digitaler Populismus“ (Fuchs 2018a) und „digitale Autokratie“ kritisch gegenüber. Digitaler Autoritarismus ist allgemeiner als digitaler Faschismus. Er umfasst ein breiteres Spektrum an Haltungen und Bewegungen als der digitale Faschismus. Er kann ebenfalls Gewalt befürworten, macht Terror jedoch nicht zwangsläufig zu seinem zentralen Prinzip. Der Begriff des Populismus weist mehrere Probleme auf. Vor allem haben sich mehrere Bedeutungen etabliert, darunter Populismus als die Praxis, etwas populär zu machen; der Versuch, das Volk anzusprechen; der Einsatz von Populärkultur in der Politik; ein politischer Stil, der den Boulevardmedien ähnelt (Skandalisierung, Unterhaltung, Spott, Vereinfachung, Eindimensionalität und Banalisierung); sowie Populismus als Demagogie, Autoritarismus, Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Faschismus. Ein Problem besteht darin, dass es kein eindeutiges Verständnis des Begriffs „digitaler Populismus“ gibt, was ihn verwirrend macht. Ein weiteres Problem ist, dass die Rede von linkem und rechtem (digitalem) Populismus den Eindruck erwecken kann, Sozialist:innen und Faschist:innen hätten vergleichbare Mittel und Ziele, was den Terror, den Faschist:innen verbreiten und praktizieren, verharmlost.

In den letzten Jahren hat die Zahl der Veröffentlichungen zu Autokratie und digitaler Autokratie zugenommen (siehe beispielsweise Croissant und Tomini 2024; Frantz, Kendall-Taylor & Wright 2020; Sinpeng und Koh 2022). Autokratie steht im Zusammenhang mit dem Begriff der Autokratisierung (Cassani & Tomini 2019, Croissant & Tomini 2024, Tomini 2024). Autokratisierung bezeichnet Prozesse, durch die sich ein politisches System zu einer Autokratie wandelt. Autokratie ist ein Begriff, der für stark zentralisierte politische Systeme und die Monopolisierung politischer Macht verwendet wird. Es gibt jedoch Aspekte totalitärer Herrschaft, die über Machtfragen hinausgehen. Sie haben mit den Rollen von Ideologie, Gewalt, Nationalismus, Geschlecht, Klasse usw. zu tun. Das bedeutet, dass wir eine Kategorie benötigen, um die Autokratie auf gesamtgesellschaftlicher Ebene zu charakterisieren. Autoritarismus wurde als Begriff verwendet, der sich auf die Gesellschaft insgesamt bezieht. Autoritäre Gesellschaften umfassen nicht nur ein autokratisches politisches System, sondern auch bestimmte Formen der Wirtschaft und Kultur. Während die Autokratie lediglich einen Zustand des politischen Systems beschreibt, sind Faschismus und autoritäre Gesellschaft Konzepte, die Gesellschaftstypen und deren verschiedenen Dimensionen sowie Organisationsebenen bezeichnen. Daher gehen diese beiden Begriffe im Gegensatz zum Konzept der Autokratie über das politische System hinaus. (Digitale) Autokratie ist ein auf die Politik zentrierter Begriff, der die Gesellschaft als Ganzes sowie die Wechselwirkung zwischen Politik und Gesellschaft außer Acht lässt. Deshalb ziehe ich es vor, den Begriff des „digitalen Faschismus“ statt der Kategorie der „digitalen Autokratie“ zu verwenden. Er ermöglicht eine umfassendere Makroanalyse.

Es gibt objektive und subjektive Konzepte. Objektive Konzepte konzentrieren sich auf technologische Strukturen, d. h. auf Objekte, die zur Speicherung, Übertragung und Verarbeitung von Informationen dienen, also auf Informationstechnologien oder, wie manche Beobachter es nennen, auf Medien. Subjektive Konzepte konzentrieren sich auf Menschen, Gruppen oder menschliche Aktivitäten. Die Unterscheidung zwischen Subjekten und Objekten ist eine klassische Kategorien-Differenzierung, die in der Gesellschaftstheorie verwendet wird.

Abbildung 2 zeigt eine konzeptionelle Übersicht über verschiedene Begriffe, die die Wechselwirkung zwischen Faschismus und der digitalen Welt beschreiben.

Abbildung 2: Eine konzeptuelle Übersicht

Objektive Konzepte betonen den Faschismus im Kontext von Algorithmen, Computern, Netzwerken, Plattformen, Technologien oder Medien. Dazu gehören beispielsweise Kategorien wie algorithmischer Faschismus (Kingsmith & Zehner 2025), computergestützte Propaganda (Woolley & Howard 2019), vernetzter Autoritarismus/Faschismus und vernetzte Propaganda (Benkler, Faris & Roberts 2018; MacKinnon 2011, 2012; Rasmussen 2022), Plattformfaschismus (Mirrlees 2019), digitaler/sozialer Medienfaschismus (Unver 2017, Wilkie 2023) sowie Technofaschismus (Coeckelbergh 2026, Möllers 2025).

Subjektive Konzepte rücken faschistische Handlungen, die durch digitale Technologien vermittelt werden, in den Vordergrund. Dazu gehören beispielsweise Begriffe wie affektiver (digitaler) Faschismus (Strick 2023), kognitiver (digitaler) Faschismus (Carter 2014), kommunikativer Faschismus (Langlois 2021), digitale Broligarchie (Cadwalladr 2025), digitaler Mikrofaschismus (Bratich 2022), emotionaler (digitaler) Faschismus/Populismus (Illouz 2023), informationeller Faschismus (Barlow 1991) sowie reflexiver (digitaler) Faschismus (Strick 2021, 2023).

Die eben erwähnten subjektiven Konzepte reduzieren den digitalen Faschismus auf faschistische digitale Praktiken und Subjekte. Sie vernachlässigen den strukturellen Aspekt des digitalen Faschismus. Die Reduzierung des digitalen Faschismus auf faschistische digitale Systeme und Technologien vernachlässigt die Handlungsfähigkeit der Subjekte des digitalen Faschismus. Autoritarismus und Faschismus sind, wie ich in Abschnitt 2 dargelegt habe, auf mehreren Ebenen organisiert. Dass es mehrere Organisationsebenen gibt, bedeutet auch, dass der (digitale) Faschismus weder nur eine Praxis noch nur ein System ist, sondern ein Zusammenspiel von Praktiken und Strukturen.

4.2.   Ein dialektisches Konzept des digitalen Faschismus

Es gibt einerseits subjektivistische Theorien, nämlich Handlungstheorien der Gesellschaft, und andererseits objektivistische Theorien, nämlich funktionalistische und strukturalistische Theorien der Gesellschaft. Laut Anthony Giddens (1984) sind Strukturen „Regeln und Ressourcen“ (17), die die „Systemreproduktion“ (19) unterstützen. „Ressourcen sind Medien, durch die Macht als routinemäßiges Element der Konkretisierung von Verhalten in der gesellschaftlichen Reproduktion ausgeübt wird“ (16). Giddens geht „in seinem Strukturierungsparadigma nicht explizit auf die Frage der Technologie ein“ (Orlikowski 1992, 405).

Aufbauend auf Giddens‘ Strukturationstheorie entwickelte Wanda J. Orlikowski eine Strukturationstheorie der Technologie. Technologien sind Teil dessen, was Giddens (1984, 33, 258, 373) als „allokative Ressourcen“ bezeichnet, also physische Objekte. Orlikowski definiert Technologien als „materielle Artefakte (verschiedene Konfigurationen von Hardware und Software)“ und unterscheidet sie von „den menschlichen Aktivitäten, die diese Artefakte entwerfen oder nutzen“ (Orlikowski 1992, 403). Technologien sind eine besondere Art von Ressource, bestehend aus physischen Objekten, die zweckmäßig organisiert sind. Es besteht „eine wechselseitige Interaktion zwischen menschlichen Akteuren und Technologie“ (403). Technologie ist ein Auslöser gesellschaftlichen Wandels oder gesellschaftlicher Reproduktion, wobei es je nach den Affordanzen der Technologie, den gesellschaftlichen Kontexten, den historischen Umständen usw. zu vorhersehbaren und/oder unvorhersehbaren Folgen kommt. Orlikowski formulierte das Theorem der Dualität der Technologie: „Technologie wird durch menschliches Handeln geschaffen und verändert, doch sie wird auch von Menschen genutzt, um bestimmte Handlungen auszuführen. Dieser rekursive Begriff von Technologie – den ich als Dualität der Technologie bezeichne – ist die erste der Prämissen, die ich im Folgenden ausführe. Die zweite, eine Folge der ersten, lautet, dass Technologie interpretativ flexibel ist, weshalb die Interaktion von Technologie und Organisationen eine Funktion der verschiedenen Akteure und sozio-historischen Kontexte ist, die an ihrer Entwicklung und Nutzung beteiligt sind“ (Orlikowski 1992, 405). Für Giddens (1984, 25) sind Strukturen „Medium und Resultat der Praktiken, die sie rekursiv organisieren“; sie „ermöglichen und schränken“ menschliches Handeln gleichermaßen ein (162). Technologie als Produkt und Medium menschlichen Handelns „ist ein Ergebnis menschlichen Handelns wie Gestaltung, Entwicklung, Aneignung und Modifikation“ (Produkt) und „erleichtert und schränkt menschliches Handeln durch die Bereitstellung von Interpretationsschemata, Hilfsmitteln und Normen ein“ (Orlikowski 1992, 410).

Informations- und Kommunikationstechnologien sind eine besondere Art von Technologien, nämlich solche, die die menschlichen Fähigkeiten zum Denken, zur Produktion und Organisation von Informationen sowie zur Kommunikation ermöglichen und gleichzeitig beschränken. Zu den Informations- und Kommunikationstechnologien gehören nicht nur Computer, sondern beispielsweise auch „Kerben in Holz, schriftliche Listen, Bücher, Akten, Filme, Tonbänder“ – Strukturen, die die „Speicherung von Informationen“ und die „Verbreitung gespeicherter Informationen“ ermöglichen und auf „die Erinnerungsfähigkeit des menschlichen Gedächtnisses“ sowie auf „Interpretationsfähigkeiten“ beruhen (Giddens 1984, 261). Die Informationstechnologien „ermöglichen eine raum-zeitliche Distanzierung“ (Giddens 1984, 262). Der vernetzte Computer ist nur eine von vielen Informations- und Kommunikationstechnologien bzw. Medien. Alle diese Medien, darunter beispielsweise der Brief, das Buch, das Radio, das Fernsehen und das Telefon, ermöglichen eine Überbrückung der raum-zeitlicher Entfernung sozialer Beziehungen und gesellschaftlicher Verhältnisse, indem sie dazu beitragen, die Kommunikation über Zeit und Raum hinweg zu organisieren. Was den Computer von älteren Medien unterscheidet, ist, dass andere Medien und viele vermittelte Aktivitäten durch die Digitalisierung konvergieren und dass er ein Medium ist, das Prosumtion ermöglicht.

In Anlehnung an Giddens (1984) und Orlikowski (1992) können wir von der Dualität und Dialektik des digitalen Faschismus sprechen. Der digitale Faschismus beruht auf einer Dialektik zwischen faschistischen Praktiken und digitalen Technologien/Medien. Wir können hier von einer Dialektik sprechen, da faschistische Online-Praktiken faschistische Digitalstrukturen konstituieren und transformieren, die wiederum faschistische Praktiken konstituieren und transformieren. Faschistische Praktiken und Strukturen sind untrennbar miteinander verflochten, sodass das eine ohne das andere nicht existieren kann. Beispielsweise setzt ein faschistischer Akt des Online-Hasses, bei dem ein Faschist anonym droht, ein Mitglied einer zum Sündenbock gemachten Gruppe zu töten, faschistische Strukturen wie faschistische Ideologie, faschistische Kommunikationsmittel, faschistische Verhaltensregeln usw. voraus und reproduziert diese.

Digitaler Faschismus bedeutet, dass digitale Strukturen faschistische digitale Praktiken, die auf die Förderung des Faschismus abzielen, bedingen, d. h. ermöglichen und beschränken. Faschistische digitale Strukturen sind das Medium und das Resultat faschistischer Praktiken, die sie rekursiv organisieren. Ein solcher Ansatz, der auf dialektischer Philosophie und Strukturierungstheorie basiert, erscheint mir plausibler als einer, in dem Technologien als soziale Akteure dargestellt werden. Solche Annahmen und Argumente sind in der Akteur-Netzwerk-Theorie (Actor Network Theory, ANT) weit verbreitet, in der es keine klare Unterscheidung zwischen Technologien und Menschen gibt. Beide werden in einem extrem weit gefassten Akteursbegriff zusammengefasst.

In dem Buch Digital Fascism gebe ich folgende Definition von digitalem Faschismus:

„Digitaler Faschismus bezeichnet die Verbreitung des Faschismus im Internet sowie die Nutzung digitaler Technologien durch faschistische Gruppen und Einzelpersonen als Mittel der Information, Kommunikation und Organisation. Der Faschismus ist eine besondere, terroristische Form des rechten Autoritarismus, deren Ziel es ist, die als Feinde identifizierten Personen durch Gewalt, Terror und Krieg zu töten. Digitaler Faschismus bedeutet, dass Faschist:innen digitale Technologien wie Computer, das Internet, Mobiltelefone, Apps und soziale Medien nutzen, um (a) intern zu kommunizieren und so die Organisation faschistischer Praktiken zu koordinieren und (b) in der Öffentlichkeit das Führerprinzip, Nationalismus, die Anwendung des Freund/Feind-Schemas und Gewaltandrohungen zu kommunizieren, wozu auch die Propagierung von Gewalt, Militarismus, Terror, Krieg, Law-and-Order-Politik und der Ausrottung von konstruierten Feinden und Sündenböcken gehört. Es wird durch Online-Propaganda versucht, Anhänger zu gewinnen, Unterstützer zu mobilisieren und konstruierte Feinde zu terrorisieren. Im digitalen Faschismus nutzen Faschist:innen digitale Technologien, um Gewalt, Terror und Krieg als Mittel zur Errichtung einer faschistischen Gesellschaft voranzutreiben. […] Zu den Sündenböcken, die die faschistische Ideologie konstruiert und gegen die sie online hetzt, gehören Einwanderer, Sozialist:innen, Liberale, Intellektuelle, Expert:innen und Demokrat:innen“ (Fuchs 2022, 318-319).

Es sei hinzugefügt, dass der digitale Faschismus die Dualität des digitalen Faschismus beinhaltet, nämlich die Dialektik zwischen faschistischen digitalen Praktiken und faschistischen digitalen Strukturen. Mit digitalen Praktiken meinen wir nicht ausschließlich Online-Aktivitäten. Da digitale Medien vielfältige Konvergenzprozesse begünstigen, findet auch eine Konvergenz von Online- und Offline-Faschismus statt, was bedeutet, dass digitale faschistische Praktiken oft einen hybriden Charakter haben. Der Offline-Faschismus bedient sich des Online-Faschismus und wird von diesem unterstützt. Online-Faschismus kann mit Offline-Faschismus interagieren und zu diesem führen. Ein Beispiel für einen solchen hybriden Online-/Offline-Charakter des digitalen Faschismus ist eine von faschistischen Kräften orchestrierte Online-Fake-News-Kampagne, die zu Offline-Debatten zwischen Freunden führt, die beschließen, Mitglieder einer faschistischen Partei zu werden. Oder eine hybride faschistische Trolling-Kampagne, bei der faschistische Trolle einen Sündenbock online bedrohen und ihm auch offline Schaden zufügen. Das Digitale ist immer eine Mischung aus Online- und Offline-Praktiken. Wir sprechen jedoch nicht von einem hybriden digitalen/nicht-digitalen Faschismus, sondern lediglich von digitalem Faschismus, da wir davon ausgehen, dass die Rede vom Digitalen stets sowohl Online- als auch Offline-Aspekte umfasst. Die Offline-Welt ist in der Online-Welt aufgehoben, das Digitale umfasst beides. Es ist ein theoretischer Fehler, für einen Dualismus von Online und Offline zu plädieren, der das Digitale auf die Online-Welt beschränkt.

Tabelle 3 gibt einen Überblick über die Unterschiede zwischen digitalem Autoritarismus und digitalem Faschismus.


 

 

Aspekt

Digitaler Autoritarismus

Digitaler Faschismus

Definition

Eine allgemeine Form autoritärer Politik, bei der digitale Technologien zu Überwachungs-, Zensur- und Kontrollzwecken eingesetzt werden.

Eine terroristische, antidemokratische Form des rechten Autoritarismus, die digitale Medien für Ideologie, Mobilisierung und Gewalt nutzt.

Reichweite

Weit: umfasst eine Reihe repressiver Haltungen, Regime und Bewegungen.

 

Enger: eine spezifische, gewalttätige Ausprägung des rechten Autoritarismus

Nutzung digitaler Medien

Instrumentelle Nutzung von Plattformen und Datensystemen zu Überwachungs- und Repressionszwecken.

Ideologischer und militanter Einsatz digitaler Medien für Propaganda, Organisation und Terror.

Bezug zum Kapitalismus

Bringt die autoritären Tendenzen des digitalen Kapitalismus zum Ausdruck

Stellt die Verschmelzung von digitalem Kapitalismus und Terror dar – Kapitalismus in seiner faschistischen Form.

Bezug zur Demokratie

Untergräbt die Demokratie, während vorgegeben wird, sie zu bewahren

Baut die Demokratie aktiv ab und legitimiert Gewalt

Tabelle 3: Digitaler Autoritarismus und digitaler Faschismus

Nach Ansicht des Informationsphilosophen Wolfgang Hofkirchner (2023, 77) sind Kognition, Kommunikation und (Ko-)Produktion (Hofkirchner spricht von Kooperation) die drei symbolischen und semiotischen Dimensionen des Handelns. Er bezeichnet dies als das tripleC-Modell (cognition, communication, co-operation). Das tripleC-Modell ermöglicht es uns, die Vielfalt der Dimensionen der Information zu verstehen. Der Vorteil dieses Modells besteht darin, dass es Information weder als Ding noch als Eigenschaft noch als Substanz begreift, sondern als Prozess, der subjektive und objektive Aspekte der Welt dialektisch miteinander verbindet. Kognition bedeutet, dass Menschen ihr Gehirn nutzen, um Informationen über die Welt gedanklich zu konstruieren. In Kommunikationsprozessen interagieren Menschen symbolisch, um bestimmte Interpretationen der Welt miteinander zu teilen. Koproduktion bedeutet, dass Menschen zusammenarbeiten, um etwas Neues zu schaffen, eine emergente Einheit, die zuvor nicht existierte. Abbildung 3 veranschaulicht den digitalen Faschismus als einen dreifachen semiotischen tripleC-Prozess.

Abbildung 3: Digitaler Faschismus als dreifacher semiotischer Prozess aus faschistischer digitaler Kognition, Kommunikation und Koproduktion

Die Abbildung veranschaulicht die Dualität des digitalen Faschismus. Im unteren Teil der Abbildung sind die digitalen Praktiken der faschistischen digitalen Kognition, Kommunikation und Koproduktion dargestellt (das „tripleC“ des digitalen Faschismus). Im oberen Teil befinden sich digitale Strukturen, die digitale Praktiken vermitteln, d. h. ermöglichen und beschränken, indem sie Informationen speichern, verbreiten und verarbeiten[3]. Diese Praktiken sind miteinander verknüpft. Jede digitale Kommunikation setzt digitale Kognition voraus und geht von ihr aus. Jede digitale Koproduktion setzt digitale Kommunikation voraus und geht von ihr aus. Faschistische digitale Kognition bezeichnet die individuelle Produktion, Organisation und kognitive Verarbeitung faschistischer Informationen durch Menschen, die dabei durch digitale Technologien unterstützt werden. In der faschistischen digitalen Kommunikation kommunizieren Menschen mithilfe digitaler Technologien, um faschistische Ziele voranzutreiben. In der faschistischen digitalen Koproduktion arbeiten Menschen mithilfe digitaler Technologien zusammen, um den Faschismus voranzutreiben. Faschistische digitale Praktiken (Kognition, Kommunikation, Koproduktion) haben ein gemeinsames Ziel: die Förderung des Faschismus. Das bedeutet, dass sie darauf abzielen, autoritäre Führung, Nationalismus, das Freund/Feind-Schema, das Patriarchat und den Militarismus als Organisationsprinzipien der Gesellschaft zu fördern, und bereit sind, dies unter Einsatz von Ideologie und Gewalt als politische Mittel zu tun. Faschist:innen sind bereit, alle Mittel einzusetzen, die nötig sind, um ihre faschistischen Interessen zu verwirklichen, einschließlich Ideologie, Gewalt und deren Kombination. Propaganda und Gewalt „verfolgen denselben Zweck: die Menschen der Kontrolle von oben zu unterwerfen“ (Neumann 1944/2018, 505). Angesichts des massiven Einsatzes von Ideologie und Gewalt durch den (digitalen) Faschismus ist dieser zutiefst antidemokratisch. Faschistische digitale Praktiken tragen zur Aufrechterhaltung der kapitalistischen Gesellschaft und ihrer Interessen bei, indem sie digitale Mittel einsetzen, um Gruppen und Einzelpersonen zu unterdrücken, die als Sündenböcke für die Missstände der Klassengesellschaft herhalten müssen.

Tabelle 4 gibt einen Überblick über einige Merkmale des digitalen Faschismus. Sie alle weisen die drei Dimensionen Kognition, Kommunikation und Koproduktion auf. Das tripleC-Modell ermöglicht es uns, die miteinander verflochtene Informationskomplexität des digitalen Faschismus zu verstehen. Die dialektische Dualität des digitalen Faschismus funktioniert auf der Grundlage des tripleC-Modells. Nutzer:innen verwenden digitale Technologien, um Faschismus kognitiv zu konstruieren, zu kommunizieren und mitzugestalten. All diese Merkmale verbinden digitale Praktiken und digitale Strukturen miteinander. Dazu gehören faschistische Konvergenz, nutzergenerierter Faschismus/faschistische digitale Prosumtion, faschistische digitale Ideologie, algorithmische und KI-basierte digitale Politik, faschistische Cyberangriffe, faschistische Datenüberwachung und faschistische digitale Gewalt.

 



Eigenschaft

Beschreibung

Kognition

Kommunikation

Koproduktion

Faschistische Konvergenz

die digitale Konvergenz von Technologien, Rollen und Aktivitäten, die den Faschismus begünstigt

Digitale Technologien ermöglichen die Konvergenz verschiedener Medien (Text, Audio, Bild, audiovisuelle Medien) in einem digitalen Multimedium, die Konvergenz verschiedener sozialer Rollen sowie die Konvergenz der semiotischen Prozesse der Kognition, Kommunikation und Koproduktion, sodass Faschist:innen eine einzige digitale Plattform für vielfältige Zwecke nutzen können, um die Verwirklichung ihrer Ziele voranzutreiben.

           

Nutzergenerierter Faschismus, faschistische digitale Prosumtion

nutzergenerierte faschistische digitale Inhalte

           

die individuelle Produktion, Veröffentlichung und Nutzung faschistischer digitaler Inhalte.

die digital vermittelte Kommunikation von Nutzer:innen über nutzergenerierte digitale Inhalte und Online-Inhalte im Allgemeinen.

die kooperative Erstellung und Veröffentlichung digitaler Inhalte durch die Nutzer:innen.

Faschistische digitale Ideologie

die digitale Verbreitung faschistischer Ideologie durch Nutzer:innen, die Desinformation verbreiten, lügen, die Realität verfälschen und versuchen, zu täuschen, um faschistische Interessen zu fördern.

die individuelle Produktion, Verbreitung und Rezeption faschistischer Ideologie, unter anderem durch die Erstellung gefälschter digitaler Nachrichten; Hassrede im Internet; Boulevardmedien im Internet (sensationslüsterne, oberflächliche, kurze, schnell verbreitete, skandalträchtige, emotionalisierende und polarisierende Inhalte); die postfaktische Kultur; Deepfake-Videos, -Bilder und -Audiodateien; ideologische Echokammern und Filterblasen; gefälschte Websites; Verschwörungstheorien im Internet; Memes; gefälschte Social-Media-Profile; orchestrierte Beiträge; usw.

die digital vermittelte Kommunikation von Nutzer:innen über faschistische Ideologie.

           

die kooperative Erstellung faschistischer Online-Kampagnen durch Nutzer:innen, die darauf abzielen, die faschistische Ideologie zu verbreiten, einschließlich der Verbreitung von Falschmeldungen, Boulevardmedien, Online-Hasskampagnen, Astroturfing, Echokammern usw.

Algorithmische und KI-basierte faschistische Politik

KI und Algorithmen werden eingesetzt, um Faschismus im Internet halb- oder vollautomatisch zu verbreiten

der individuelle Konsum faschistischer digitaler Inhalte, die von KI generiert oder durch Algorithmen gesteuert werden; die individuelle Entwicklung und Gestaltung von KI oder Algorithmen für faschistische Zwecke

           

die Kommunikation über KI-generierte oder algorithmengesteuerte faschistische Inhalte;

die Interaktion zwischen Menschen und KI in faschistischen Kontexten

 

           

die kooperative Entwicklung und Gestaltung von KI oder Algorithmen durch Nutzer:innen für faschistische Zwecke;

die kooperative Organisation faschistischer Kampagnen durch Nutzer:innen, bei denen KI, Algorithmen, algorithmische Personalisierung, algorithmische Sortierung, prädiktive Algorithmen, Bots, Bot-Armeen/-Netzwerke, virtuelle Influencer:innen, Viren, Malware usw. zum Einsatz kommen   

Faschistische Cyberangriffe

Cyberangriffe zur Durchsetzung faschistischer Ziele, darunter beispielsweise Social Engineering (Phishing usw.), Malware-basierte Angriffe, Angriffe auf Netzwerke und Infrastruktur, Ausnutzung von Software-Schwachstellen, koordinierte digitale Angriffe, Online-Betrug und Online-Betrugsdelikte usw.

die individuelle Orchestrierung faschistischer Cyberangriffe; die Reaktionen eines Opfers auf einen faschistischen Cyberangriff

           

Kommunikation über faschistische Cyberangriffe

           

Die koordinierte Durchführung faschistischer Cyberangriffe; gemeinsame Reaktionen auf Cyberangriffe

           

Faschistische Datenüberwachung

           

die digitale Überwachung von Nutzer:innen und Praktiken der Datensammlung, einschließlich der Sammlung und Auswertung von Big Data, zu faschistischen Zwecken

die individuelle Organisation der faschistischen Datenüberwachung, die Reaktionen eines Nutzers/einer Nutzerin auf die faschistische Datenüberwachung

           

Kommunikation über faschistische Datenüberwachung

Die kooperative Organisation faschistischer Datenüberwachung

Faschistische digitale Gewalt

           

digitale Gewalt zu faschistischen Zwecken bedeutet den Einsatz digitaler Technologien, um Menschen zu töten oder ihnen körperlichen Schaden zuzufügen

           

die individuelle Organisation faschistischer digitaler Gewalt; die kognitive Erfahrung digitaler Gewalt aus der Perspektive eines Opfers

           

Kommunikation über faschistische digitale Gewalt

           

die kooperative Organisation faschistischer digitaler Gewalt

           

Tabelle 4: Merkmale des digitalen Faschismus

      



Einige Medientheoretiker:innen und Beobachter:innen haben behauptet, dass das Internet und die sozialen Medien Formen einer partizipativen digitalen Kultur seien, die die digitale Welt demokratischer gemacht hätten. So argumentiert beispielsweise der Medientheoretiker Henry Jenkins, dass soziale Medien sich viral „ausbreitende Medien“ (spreadable media) sind, in denen Nutzer:innen Informationen verbreiten, sodass die Kultur „weitaus partizipativer“ werde (Jenkins et al. 2013, 1) und „das Web zu einem Ort der Konsumentenpartizipation geworden ist“ (Jenkins 2008, 137). Viele solcher Behauptungen beruhen auf einer übertriebenen Begeisterung für neue Technologien, Unterhaltung und Populärkultur (vgl. Fuchs 2019, Kapitel 3). Diejenigen, die solche Behauptungen aufstellen, versuchen oft, ihren Status als Fans zu rechtfertigen, zu rationalisieren und zu idealisieren.

Obwohl Neonazis bereits in den 1990er Jahren das Internet nutzten, war in den Anfängen des World Wide Web wohl nicht abzusehen, dass der digitale Faschismus eine solche Macht erlangen würde. Ein Teil des technologischen Optimismus der 1990er Jahre, wie beispielsweise John Perry Barlows (1996) Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace („A Declaration of the Independence of Cyberspace“), teilte die Ablehnung demokratischer staatlicher Regulierung des Digitalen, die für den digitalen Neoliberalismus und den digitalen Faschismus charakteristisch ist, sowie deren Verbindung. Der Techno-Optimismus neigt dazu, die Schattenseiten der Populärkultur, der Unterhaltungsindustrie und der digitalen Technologie zu übersehen, zu ignorieren oder herunterzuspielen – nämlich dass sie auch Schauplätze für faschistische Kräfte sind. In den 1990er Jahren lachten viele Beobachter:innen über das schlechte Design neonazistischer Websites und hielten die Internetkultur für von Natur aus fortschrittlich. Heute betreiben digitale Tech-Mogule und rechtsextreme Politiker:innen ihre eigenen Alt-Right-Plattformen; und rechtsextreme Parteien, Politiker:innen und Influencer:innen erreichen eine riesige Anzahl von Followern in den sozialen Medien. Soziale Medien sind auch ein Bereich des partizipativen Faschismus, in dem Nutzer:innen die Möglichkeiten digitaler Medien anwenden, um faschistische Propaganda zu verbreiten.

Rechtsextreme Parteien und „Alt-Right“-Plattformen bedienen sich des Diskurses und der Kategorien der partizipativen und deliberativen (digitalen) Demokratie. Sie sprechen davon, digitale Medien als antielitäre Instrumente für die direkte Bürgerbeteiligung, als Gegen- und Alternativmedium sowie zur Aufklärung der Nutzer:innen einzusetzen. Folglich trifft die Behauptung, dass die Partizipation der Nutzer:innen an Politik und Online-Debatten die Demokratie voranbringt, nicht immer und nicht zwangsläufig zu. Partizipative digitale Demokratie und deliberative digitale Demokratie müssen mit einer konstitutionellen digitalen Demokratie kombiniert werden, die die „Prinzipien des Rechtsstaats“ (Habermas 1992, 361), wie die Bürger- und Menschenrechte sowie die Menschwürde, im Kontext digitaler Praktiken institutionalisiert.

Der digitale Faschismus hat gesellschaftliche Dimensionen. Es gibt eine Ökonomie, eine Politik und eine Kultur des digitalen Faschismus. Die wirtschaftliche Dimension bezieht sich auf das Eigentum an digitalen Plattformen, die faschistische Inhalte verbreiten, sowie auf die Finanzierung und die wirtschaftliche Organisation des Faschismus im Internet. Die wirtschaftliche Dimension bildet die Grundlage des digitalen Faschismus. Man kann faschistische Ideen nicht produzieren, verbreiten und konsumieren ohne Kommunikationsmittel, die produziert und den Nutzer:innen zur Verfügung gestellt werden – was ein wirtschaftlicher Prozess ist. Die politische Dimension des digitalen Faschismus bezieht sich auf die Art und Weise, wie Gesetze und politische Maßnahmen den digitalen Faschismus ermöglichen und beschränken, auf den digitalen Faschismus als soziale Bewegung, auf die Kolonisierung der Öffentlichkeit durch den digitalen Faschismus sowie auf die Beziehung von digitalem Kapital und der digitalen Wirtschaft zu Politiker:innen, politischen Parteien und Regierungen. Die kulturelle Dimension des digitalen Faschismus hat damit zu tun, wie Nutzer:innen in ihrem Alltag und in Bezug auf die Ideologien des Internets sowie Ideologien im Internet mit dem digitalen Faschismus umgehen. Ideologien des Internets bedeutet, dass Faschist:innen ideologische Behauptungen über das Internet aufstellen. Digitale Ideologie nimmt zwei Formen an: Techno-Optimismus und Techno-Pessimismus. Digitale Medien werden entweder dafür gelobt, dass sie alles besser machen, oder dafür verteufelt, dass sie alles schlechter machen. In jedem Fall wird der digitalen Technologie als solcher zugeschrieben, dies oder jenes zu bewirken, was die dialektische Beziehung zwischen Technologie und Gesellschaft trivialisiert.

Der Faschismus hat sowohl eine zeitliche als auch eine räumliche Dimension. Auch die Frage, welche neuen Formen er annehmen kann, hat raum-zeitliche Aspekte. In räumlicher Hinsicht stellt sich die Frage, ob der Faschismus auf bestimmte Teile der Welt, wie beispielsweise den Westen, beschränkt ist oder ob er in allen Regionen der Welt entstehen kann. Geht man davon aus, dass Kapitalismus und Imperialismus zwangsläufig westlichen Charakter haben, dann müssen auch Faschismus, Neofaschismus und digitaler Faschismus als zwangsläufig westliche Phänomene verstanden werden. Der Kapitalismus ist jedoch global und bildet ein Weltsystem, und es gibt verschiedene Arten von Kapitalismus – nicht nur den neoliberalen Kapitalismus, sondern auch den Staatskapitalismus, den oligarchischen Kapitalismus und andere. Daher bergen auch kapitalistische Systeme wie Russlands oligarchischer fossiler Kapitalismus und Chinas Staatskapitalismus faschistische Potenziale. Die geografische Beschränkung von Faschismus und Autoritarismus auf den Westen führt zu einer Form des Okzidentalismus, die für ideologische Zwecke missbraucht werden kann, um reale existierende faschistische und autoritäre Systeme zu verharmlosen. Der Faschismus als Gesellschaftsform ist eine Art von Kapitalismus, die überall und jederzeit dort entstehen kann, wo der Kapitalismus existiert.

Kritische Theoretiker:innen, die sich mit der heutigen extremen Rechten auseinandersetzen, haben Begriffe wie „Spätfaschismus“ (Toscano 2023), „neoliberaler Faschismus“ (Giroux 2019), „neuer Faschismus“ (Traverso 2019) und „Postfaschismus“ (Tamás 2000) verwendet. In solchen Ansätzen wird der Faschismus historisch nicht auf den Nationalsozialismus und den italienischen Faschismus beschränkt, sondern gilt als ein allgemeineres System, das sich im Laufe der Geschichte wandelt. Auf der Grundlage solcher dialektisch-historischer Ansätze können wir argumentieren, dass es Kontinuitäten und Diskontinuitäten des Faschismus gibt, und der Frage nachgehen, wie digitale Medien ihn verändert haben.

4.3.   Die zehn Facetten des (digitalen) Faschismus

Es gibt zehn Facetten des zeitgenössischen (digitalen) Faschismus, die ich in Form von Arbeitshypothesen formuliert habe:

 

Facette 1 – der gesellschaftliche Kontext:

Der klassische Faschismus entstand vor dem Hintergrund der Krise des finanzialisierten, industriellen, staatsmonopolistischen Kapitalismus.

Der zeitgenössische Faschismus operiert vor dem Hintergrund der vielfältigen Krisen des finanzialisierten, digitalen, neoliberalen, flexiblen, globalen Kapitalismus.

 

Facette 2 – Faschismus und digitaler Kapitalismus:

Wenn der Faschismus an Macht gewinnt, wird er in der Regel von den dominierenden Kapitalfraktionen unterstützt. Das Industriekapital unterstützte den klassischen Faschismus.

Manche sagen, dass das Digital- und Kommunikationskapital, das Finanzkapital sowie das Kapital aus den Bereichen fossile Brennstoffe, Verkehr und Energie den heutigen Autoritarismus und Faschismus unterstützen. Diese Entwicklung spiegelt den Übergang vom industriellen zum globalen digitalen, finanzialisierten und auf fossilen Kapitalismus wider.

 

Facette 3 – digitale Angriffsmethoden (digitale Gewalt und Ideologie im Internet):

Der klassische Faschismus setzte in bewaffneten Konflikten vorwiegend Sturmtruppen und Soldaten ein und nutzte staatlich kontrollierte Rundfunkmedien (wie den Volksempfänger) als Mittel zur Verbreitung seiner Ideologie.

Der heutige Faschismus bedient sich unter anderem robotergestützter, KI-basierter und unbemannter Waffensysteme, die die Kriegsführung teilweise oder vollständig automatisieren und die Rolle des Menschen auf dem Schlachtfeld einschränken, sowie digitaler ideologischer Mittel wie Trollarmeen, Fake News im Internet, Echokammern, algorithmische Politik und soziale Medien, um definierte Feinde anzugreifen.

Der Faschismus ist anti-humanistisch; er hat keinerlei Respekt vor dem menschlichen Leben und den Menschenrechten. Die Automatisierung der Kriegsführung nutzt halbautonome oder autonome Tötungsroboter, um Schäden und Letalität zu erhöhen. Solche „posthumanen“ Systeme eignen sich besonders für faschistische Zwecke, da sie es ermöglichen, Massenmorde aus der Ferne zu verüben, ohne zwischen Soldaten und Zivilisten zu unterscheiden, lediglich motiviert durch das ideologische Programm der Tötung von Feinden, das ein Kernmerkmal des Faschismus ist und das digitale Faschist:innen mithilfe von KI und Robotik in digitale Maschinen einprogrammieren können, die nach Belieben töten.

 

Facette 4 – nutzergenerierter Faschismus:

Der klassische Faschismus stützte sich auf eine zentral organisierte Propaganda und Lügen, wofür er den Rundfunk und Massenveranstaltungen nutzte.
Auch der moderne Faschismus verbreitet Propaganda und Lügen, verbindet jedoch einen zentralisierten ideologischen Apparat mit der Organisation von nutzergenerierter Postfaktizität, nutzergenerierten Fake News und Echokammern bzw. Filterblasen, die faschistische Ideologie verbreiten. Das Merkmal der Prosumtion digitaler Medien ermöglicht den nutzergenerierten Faschismus.

 

Facette 5 – vernetzte Organisation und Führung:

Der klassische Faschismus war streng hierarchisch nach dem Führerprinzip organisiert.

Der zeitgenössische Faschismus vergöttert den Führer und verbindet zudem faschistische Führung mit einer vernetzten, dezentralisierten Organisation, was mit der Konvergenz digitaler Medien zusammenhängt, die Grenzen abbaut, sodass keine zentrale Steuerung der Kommunikation erforderlich ist.

 

Facette 6 – schleichender Faschismus:

Der klassische Faschismus lehnte die Demokratie offen ab. Der zeitgenössische Faschismus tarnt sich oft als demokratisch und gibt vor, demokratisch zu sein. Der heutige Faschismus hat einen eher unmerklichen Charakter. Es handelt sich dabei tendenziell um einen schleichenden Faschismus (Gross 1980) und einen demokratischen Faschismus (Amlinger und Nachtwey 2025), der die Demokratie schrittweise untergräbt und negativ verändert, um sie schließlich abzuschaffen.

 

Facette 7 – Das Freund/Feind-Schema und der Nationalismus:

Der klassische Faschismus definierte die Nation und den Feind in erster Linie anhand von Rasse und Biologie; der zeitgenössische Faschismus definiert den Feind und die Nation eher anhand von Kultur und Religion. Der faschistische Biologismus ist nicht tot, sondern wurde vom faschistischen Kulturalismus subsumiert und in diesen integriert.

Sowohl der klassische als auch der zeitgenössische Faschismus konstruieren Verschwörungstheorien über eine Allianz aus Sozialist:innen, Liberalen, Expert:innen und Minderheiten (Juden und Jüdinnen, Einwanderer, Flüchtlinge, People of Colour, Muslime usw.), die angeblich die Welt beherrschen. Der klassische Faschismus hat diese proklamierte Allianz oft rassistisch interpretiert, während der zeitgenössische Faschismus eine solche Allianz als eine der „Globalisierer“, „großstädtischen Eliten“, der „politischen Korrektheit“, des „kulturellen Marxismus“ usw. konstruiert.

 

Facette 8 – emotionaler digitaler Faschismus:

Sowohl der zeitgenössische als auch der klassische Faschismus sprechen das menschliche Bewusstsein an, indem sie Emotionen und Ideologie miteinander verbinden.

Der zeitgenössische Faschismus nutzt künstliche Intelligenz, Algorithmen, Big Data und computergestützte Sozialwissenschaften, um Emotionen zu simulieren, zu analysieren und zu manipulieren.

 

Facette 9 – faschistische digitale Populärkultur:

Während klassische Faschist:innen zur Unterhaltung auf die Verhöhnung ihrer Gegner zurückgriffen, agieren zeitgenössische Faschist:innen im Umfeld der digitalen Populärkultur. Daher sind einige von ihnen selbst Teil der Populärkultur, indem sie als Social-Media-Influencer:innen, Sänger:innen, Musiker:innen, Reality-TV-Stars, Prominente usw. auftreten. Zeitgenössische Faschist:innen sind oft Populärkultur und produzieren Populärkultur. Obwohl sie oft wohlhabend und ungewöhnlich sind, präsentieren sich faschistische Führer häufig als ganz normale, gewöhnliche kleine Leute und Arbeiter:innen mit populären Vorlieben, Interessen und Gewohnheiten.

 

Facette 10 – Populistische (soziale) Medienkultur und Faschismus:

Es besteht eine strukturelle Parallele zwischen der Boulevardpresse, den Möglichkeiten bestimmter Social-Media-Plattformen (wie beispielsweise dem Kurzvideoformat auf TikTok) und der von faschistischen Bewegungen praktizierten Logik der Vereinfachung, Oberflächlichkeit und Beschleunigung. Dieser Umstand könnte erklären, warum Akteure der heutigen extremen Rechten in den sozialen Medien tendenziell sehr aktiv sind.

 

Diese zehn Facetten des digitalen Faschismus sind neue Merkmale des Faschismus, die dessen kommunikativen Aspekt von älteren Formen des Faschismus unterscheiden. Ausgehend vom Begriff des digitalen Faschismus werde ich als Nächstes der Frage nachgehen, in welcher Beziehung der digitale Kapitalismus und der digitale Faschismus zueinanderstehen.

5.   Digitaler Kapitalismus und digitaler Faschismus

In diesem Abschnitt soll dargelegt werden, in welcher Beziehung Kapital(ismus) und Faschismus zueinanderstehen und was dies für den digitalen Kapitalismus und den digitalen Faschismus bedeutet.

Ausgehend von Horkheimers (1939, 115) Feststellung aus dem Jahr 1939, dass zwischen Kapitalismus und Faschismus ein innerer Zusammenhang bestehe („Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen“)., weist das Aufkommen neuer Formen des Faschismus und des Autoritarismus, einschließlich des digitalen Faschismus, einen inneren Zusammenhang mit dem Kapital und dem Kapitalismus auf. In diesem Kontext interessiert uns insbesondere der Zusammenhang zwischen dem digitalen Kapital des Silicon Valley und dem digitalen Faschismus.

5.1.   Das Silicon Valley und Donald Trump

Im Jahr 2025 wurde Donald Trump zum mächtigsten Politiker der Welt. Er wurde nicht nur von Persönlichkeiten wie Elon Musk und Peter Thiel unterstützt, sondern sein Sieg in der US-Präsidentschaftswahl 2024 wurde von der gesamten Tech-Elite des Silicon Valley begrüßt.

Am 4. September 2025 lud Donald Trump die CEOs der führenden Tech-Konzerne aus dem Silicon Valley zu einem Abendessen ins Weiße Haus ein. Zu den Gästen zählten Sam Altman (OpenAI: ChatGPT), Tim Cook (Apple), Bill Gates (Microsoft), Safra Katz (Oracle), Sundar Pichai (Alphabet: Google, YouTube) und Mark Zuckerberg (Meta: Facebook, Instagram, WhatsApp). Ein ikonisches Video (https://www.youtube.com/watch?v=dsl_sKYywEI, abgerufen am 16. März 2026) zeigt, wie die Tech-Bosse Trump feiern und loben. So sagen sie beispielsweise zu Trump:

 

Bill Gates:

Thank you for incredible leadership.

 

Sam Altman:

Thank you for being such a pro-business, pro-innovation president. It is a very refreshing change. We are very excited to see what you are doing to make all of our companies and our entire country so successful.

 

Tim Cook:

It is incredible to be among everyone here, particularly you and the First Lady. […] I want to thank you for setting the tone such that we can make a major investment in the United States.

 

Safra Katz:

you’ve unleashed American innovation and creativity.

 

Sundar Pichai:

Your administration is investing a lot. Already, the AI Action Plan under your leadership is a great start. And we look forward to working together. And thanks for your leadership.

 

Das Video zeigt nicht nur die Verflechtung von Großkapital und Großmacht, die in allen Formen und Phasen des Kapitalismus existiert, sondern auch, dass die Silicon-Valley-Elite des digitalen Kapitals Trump befürwortet, weil sie von ihm erwartet, die digitale Wirtschaft in und über die USA hinaus vollständig zu deregulieren, damit das digitale Kapital weltweit nach Belieben handeln kann, um immer mehr Kapital zu akkumulieren. Deshalb feiern sie Trump als einen unglaublichen wirtschafts- und innovationsfreundlichen Führer, der digitale Innovation und Kreativität entfesselt usw. Die beunruhigende Realität ist, dass das Video zeigt, dass das (digitale) Kapital sich nicht um die Demokratie schert und heute vielleicht die Demokratie und morgen den Autoritarismus unterstützt, je nachdem, welches System eine bessere und mehr Kapitalakkumulation ermöglicht. Das digitale Kapital organisiert weite Teile unserer Online-Kommunikationsströme, die sowohl im öffentlichen als auch im privaten Bereich stattfinden. Wenn digitales Kapital zu faschistischem oder autoritärem digitalem Kapital wird, ist die demokratische Kommunikation in Gefahr.

Der klassische Faschismus hatte das Industriekapital, das damals eine beherrschende Stellung einnahm, als wirtschaftliche Basis. Der zeitgenössische Faschismus stützt sich auf die dominanten Kapitalfraktionen, darunter das digitale Kapital, das Finanzkapital und das Mobilitätskapital (die Öl- und Gasindustrie sowie die Transportindustrie). Franz L. Neumann äußerte sich zu den deutschen Industriellen und ihrem Verhältnis zu den Nazis folgendermaßen: „Thyssen, Kirdorf und andere zahlten 1932 der Nationalsozialistischen Partei die Schulden […] Die Häuser der Industrieführer standen Hitler und Ley, Göring und Terboven offen. […] Im Hinblick auf die imperialistische Expansion besitzen der Nationalsozialismus und das Großkapital identische Interessen. Der Nationalsozialismus strebt nach Ruhm und Stabilisierung seiner Herrschaft, die Industrie nach der vollen Nutzung ihrer Kapazitäten und Eroberung fremder Märkte. Die deutsche Industrie ist bereit gewesen, voll und ganz zu kooperieren. Demokratie, bürgerliche Rechte, Gewerkschaften und öffentliche Diskussion hat sie nie gemocht. Der Nationalsozialismus benutzte den Wagemut, die Kenntnisse, die Aggressivität der industriellen Führungsschicht, während die ‚Wirtschaftsführer‘ den Antidemokratismus, Antiliberalismus und die Gewerkschaftsfeindlichkeit der Nationalsozialistischen Partei benutzten, die jene Techniken, mit denen die Massen gelenkt und beherrscht werden können, voll entwickelt hatte“ (Neumann 1944/2018, 421, 422).

Wenn wir Neumanns Analyse aktualisieren, lässt sich sagen, dass die Häuser der Silicon-Valley-Elite für zeitgenössische Autoritäre offen sind. Die Mitglieder dieser Elite sehen eine Übereinstimmung zwischen ihren Interessen und denen Trumps. Trumps programmatisches Mantra, „Amerika wieder groß zu machen“, beinhaltet, das US-Kapital und seine hegemonialen Fraktionen noch mächtiger zu machen. Dass Trump selbst Kapitalist ist, macht es der Tech-Elite noch leichter, ihn als einen der ihren zu betrachten und ihn als ihren Führer zu preisen.

5.2.   Kapitalismus und Faschismus

Wie hängen Kapitalismus und Faschismus also genau zusammen? Kapitalismus und Faschismus stehen in vielerlei Hinsicht in einer komplexen Beziehung zueinander:

·    Der Faschismus ist eine Form des Kapitalismus, dessen Hauptprinzipien Terror und Gewalt sind. Eine faschistische Gesellschaft ist zwangsläufig eine kapitalistische Gesellschaft, in der die Kapitalakkumulation mit gewaltsamen Mitteln wie Krieg, Zwangsarbeit und Terror erfolgt.

·    Krisen der kapitalistischen Gesellschaft können sich zu faschismusproduzierenden Krisen auswachsen (Eley 2015).

·    Der Faschismus als Ideologie lenkt von den komplexen Ursachen gesellschaftlicher und sozialer Probleme ab, die in der kapitalistischen Gesellschaft, der politischen Ökonomie, den Klassenverhältnissen und Herrschaftsstrukturen begründet liegen. Es gibt unzählige historische und zeitgenössische Beispiele, die zeigen, wie Faschist:innen Sündenböcke (wie Juden, Jüdinnen oder Migranten) für gesellschaftliche Missstände (wie Kriminalität sowie Krisen in den Bereichen Wohnen, Gesundheitsversorgung, Bildung, Beschäftigung, Löhne, Renten, Sozialstaat usw.) konstruieren, um die Aufmerksamkeit von den politisch-ökonomischen Ursachen solcher Probleme abzulenken.

·    Im Rahmen des Freund/Feind-Schemas als ideologischen Aspekt des Faschismus appellieren Faschist:innen an die Ängste der Menschen vor Entfremdung, also an ihre Ängste vor dem Verlust von Reichtum, Geld, Status, Macht, Identität, Ansehen usw., die im Kapitalismus durch Akkumulationsstrukturen, welche soziale Klassen hervorbringen, einen eigentumsähnlichen Status haben.  Die Faschist:innen versuchen, diese Ängste der Menschen zu mobilisieren.

·    Faschistische Bewegungen sind auf Geldgeber angewiesen, zu denen seit jeher Milliardäre und die Eigentümer großer Konzerne gehören.

·    Das Kapital ist von Natur aus nicht an ein bestimmtes politisches System gebunden, sondern politisch flexibel. Es unterstützt jene politischen Interessen und Systeme, die für die Kapitalakkumulation am günstigsten sind. Folglich neigen bestimmte Kapitalisten oder Kapitalfraktionen dazu, sich politisch und ideologisch dem Faschismus zuzuwenden, wenn dieser auf dem Vormarsch ist.

·    Manche sagen, dass das digitale Kapital zu den Kapitalfraktionen gehört, die neue faschistische Kräfte stark unterstützen, da es hofft, dadurch bestehende Akkumulationsmöglichkeiten zu erhalten und neue zu gewinnen.

·    Der neoliberale Kapitalismus und der Faschismus teilen die sozialdarwinistische Ideologie des Überlebens des Stärkeren und des gnadenlosen Wettbewerbs, die Missachtung der Schwachen, die Ablehnung des Sozialismus und der Arbeitnehmerrechte, den Glauben an die Bedeutung einer starken Führung (CEO in der kapitalistischen Wirtschaft, Diktator in der autoritären Politik), Anti- und Posthumanismus sowie patriarchalische Strukturen.

5.3.   Der digitale Kapitalismus und der digitale Autoritarismus/Faschismus

Gebru und Torres (2024) charakterisieren die Ideologie des Silicon-Valley-Kapitals, insbesondere des KI-Kapitals, als „TESKREAL“: „Transhumanismus, Extropianismus, Singularitarianismus, (moderner) Kosmismus, Rationalismus, effektiver Altruismus und Longtermismus“ (Gebru & Torres 2024, 2). Viele digitale Kapitalist:innen glauben, dass digitale Technologien und KI es ihnen ermöglichen können, ewig zu leben. Der Analyse von Gebru und Torres lässt sich hinzufügen, dass es eine Parallele zwischen der TESKREAL-Ideologie und der Kapitalakkumulation gibt, nämlich die Erwartung zeitlicher Unendlichkeit. TESKREAL will das Leben letztlich in die Zeit hinein verlängern. Der Kapitalismus will die Kapitalakkumulation immer weiter ausdehnen, indem er die Arbeitszeit der Arbeiter:innen endlos in Mehrwert und Profit umwandelt. Endlose Zeit ist das, was den Kapitalismus und die TESKREAL-Ideologie verbindet. Gebru und Torres weisen auf einen wichtigen Aspekt der Ideologie des digitalen Kapitals hin. Politökonomische Aspekte fehlen jedoch weitgehend in ihrer Analyse. Ein beunruhigender Aspekt des digitalen Kapitals ist, dass es zugleich postideologisch und hyperideologisch ist. Das digitale Kapital ist so sehr vom Interesse der Kapitalakkumulation dominiert – die nicht nur das wichtigste wirtschaftliche Merkmal des Kapitalismus, sondern auch eine Ideologie ist –, dass es sich nicht mehr darum schert, welche politische Weltanschauung oder Ideologie es unterstützt, und sich für jene entscheidet, die eine Maximierung der Profitrate ermöglicht; deshalb erleben wir heute die Konvergenz von digitalem Kapital(ismus) und digitalem Faschismus.

Laut den von OpenSecrets (2024) zusammengestellten Unterlagen der Federal Election Commission meldeten die Unterstützerkomitees für Donald J. Trump im Wahlzyklus 2024 Gesamteinnahmen von etwa 1,45 Milliarden US-Dollar. Die Aufschlüsselung von OpenSecrets weist ungefähr 287,5 Millionen US-Dollar Elon Musk und 150 Millionen US-Dollar Timothy Mellon zu, verteilt auf relevante Komitees und Ausgabenvehikel. Diese Zahlen spiegeln die von OpenSecrets verwendete Aggregationsmethode wider und können sich durch neue Meldungen noch ändern. Nach dieser Berechnung repräsentiert Musk etwa 19,8% und Mellon etwa 10,3% der Spenden für Trump (Datenquelle: OpenSecrets 2024). Mellon ist ein Investor, der hauptsächlich im Transportsektor tätig ist, insbesondere im Bereich der Eisenbahnen und des Schienenverkehrs. Elon Musk ist die reichste Person der Welt mit einem geschätzten Vermögen von rund 840 Milliarden US-Dollar im März 2026 (Datenquelle: https://www.forbes.com/billionaires/, abgerufen am 13. März 2026). Seine wichtigsten Investitionen liegen im Transportsektor (Automobilindustrie: Tesla, Raumfahrtindustrie: SpaceX) sowie in der Digitalbranche (X, xAI). Weitere Unternehmen aus dem Transport- und Energiebereich (Öl, Gas), die bedeutende Beiträge zum Wahlkampf von Trump im Jahr 2024 leisteten, waren Bigelow Aerospace und Energy Transfer LP. Auch Andreessen Horowitz war ein Unternehmen aus der Digitalbranche, das eine große Spende für Trumps Wahlkampagne 2024 leistete. Wichtige Vertreter der Transport-, Mobilitäts- und Digitalindustrien haben öffentlich Trump unterstützt oder bedeutende Beiträge an die Unterstützungskomitees geleistet, was von Kritikern als Ausrichtung auf rechtsgerichtete politische Ziele interpretiert wird.


 

 

Industrie

Spendensumme

Anteil

Anzahl der Spender

FIRE

US$73.487.430

 30,1%

184

Energie und Verkehr

US$36.604.591

 15,0%

76

Kommunikation und Digitalwirtschaft

US$28.796.605

 11,8%

64

Unbekannt

US$23.477.892

  9,6%

120

Gesundheit

US$18.746.000

  7,7%

57

Verschiedene

US$16.801.887

  6,9%

72

Sonstige

US$13.998.918

  5,7%

66

Agrarwirtschaft

US$13.008.264

  5,3%

18

Bauwesen

US$5.294.576

  2,2%

30

Ideologie/Einzelthemen

US$4.975.000

  2,0%

10

Verteidigung

US$4.650.000

  1,9%

6

Anwälte & Lobbyisten

US$4.345.186

  1,8%

26

Partei- und Sachspenden

US$147

  0,0%

1

Gesamt

US$244.186.496

100,0%

730

Tabelle 5: Gemeldete Spenden für Donald Trumps Inaugurationsveranstaltung im Jahr 2025, nach Industrien organisiert, Datenquelle: OpenSecrets (2025), abgerufen am 7. Oktober 2025

Trump erzielte fast 250 Millionen US-Dollar an Spenden für seine Präsidentschaftsinauguration im Januar 2025. Tabelle 5 gibt einen Überblick über die Spender, geordnet nach Branchen. Die wichtigsten Spenderbranchen waren FIRE (Finanzen, Versicherungen, Immobilien), Energie und Verkehr sowie Kommunikation und digitale Industrien. Laut Daten von OpenSecrets (2025) waren die Einzelpersonen und Unternehmen aus der digitalen und Kommunikationsbranche, die jeweils eine große Spende von einer Million US-Dollar für Trumps Inauguration 2025 leisteten, Adobe, Amazon, Applied Materials, AT&T, Charter Communications, Citrix Systems, Comcast, Coupang, Google, Gregory Brown (Motorola Solutions), Perplexity AI, C3 AI, Intuit, John Hering (Lookout), Broadcom Inc, Meta, Micron Technology, Nvidia, Qualcomm, Timothy Cook (Apple), Samuel Altman (OpenAI), Veeam Software und Verizon Communications (Datenquelle: OpenSecrets 2025).

Die Daten stützen meine Arbeitshypothese Nummer 2 im Kontext der Trump-Präsidentschaft, nämlich dass das Finanzkapital, das Digital- und Kommunikationskapital sowie das fossile Kapital, das Transport- und das Energie-Kapital besonders wichtige Unterstützer des rechten Autoritarismus sind. Das digitale Kapital ist nicht der Hauptunterstützer und nicht der einzige Unterstützer von Trump, aber ein bedeutender. Das digitale Großkapital gehört zu den Kapitalarten, die heute die höchsten Profitraten erzielen (Fuchs 2024, 180: Tabelle 6.1). Im Jahr 2022 lag die durchschnittliche Profitrate der 18 größten Medien- und Digitalunternehmen weltweit bei 22,3 Prozent (Fuchs 2024, 180). Daher neigen digitale Kapitalistinnen und Kapitalisten dazu, jedes System und jede Ideologie zu unterstützen, die unendliche Kapitalakkumulation fördert. Nicht alle, aber einige von ihnen, sind ideologisch überzeugte Autoritäre. Doch durch die Unterstützung von Autoritären werden sie zu einem aktiven Teil des Autoritarismus.

Laut OpenSecrets (2024) leistete Musk einen enormen Beitrag zu Trumps Wahlkampf. Analysten haben seine Rolle nach der Wahl als ungewöhnlich einflussreich beschrieben, obwohl keine offizielle Beraterfunktion bestätigt wurde. Einige sagen, dass der reichste Mensch der Welt seine wirtschaftliche Macht mit der des politisch mächtigsten Menschen der Welt verschmolzen habe, was zu einer immensen politisch-ökonomischen Machtkonzentration geführt habe. Musk unterstützte nicht nur Trump, sondern signalisierte beispielsweise auch öffentlich seine Unterstützung für Nigel Farages Reform UK Party[4] und die Alternative für Deutschland[5]. Manche sagen, Musk sei ein radikaler Neoliberaler, der einen sehr schlanken Staat als unverzichtbar für die Gesellschaft ansieht: Sein Ideal ist der „Abbau staatlicher Überregulierung, zur Steuersenkung und zur Deregulierung des Marktes“ (Musk 2024b, 9). Musk sagt voraus, dass Menschen durch die Verwandlung in Cyborgs unsterblich werden könnten: „Bei unserem derzeitigen technologischen Fortschritt ist die Menschheit auf dem Weg, gottgleiche Fähigkeiten zu erlangen“ (Andersen & Hains 2014). Er ist ein extremer Techno-Optimist, der nicht sieht oder nicht daran interessiert ist, dass die technologische Kontrolle über Geist und Körper auch autoritäre Implikationen haben kann. Manche halten ihn für einen Posthumanisten, da er den Einsatz von Gehirn-Maschine-Schnittstellen befürwortet (siehe die Arbeit von Gebru und Torres aus dem Jahr 2024 zur TESKREAL-Ideologie).

Der Posthumanismus dezentriert das menschliche Subjekt, indem er die Bedeutung von Maschinen in der Gesellschaft betont und annimmt, dass Menschen sich in Maschinen verwandeln können. Die Allmacht des Posthumanismus und Transhumanismus in Bezug auf die Maschine zeigt Parallelen zum faschistischen Kult um Geschwindigkeit, Industrie, mechanisierte Gewalt und das maschinelle Ethos, das charakteristisch für Marinettis faschistischen Futurismus und die Deutsche Konservative Revolution war, die den Aufstieg des Nazi-Faschismus intellektuell vorbereitete.

Marinettis Futuristisches Manifest veranschaulicht den Techno-Fetischismus: „Wir erklären, daß sich die Herrlichkeit der Welt um eine neue Schönheit bereichert hat: die Schönheit der Geschwindigkeit. Ein Rennwagen, dessen Karosserie große Rohre schmücken, die Schlangen mit explosivem Atem gleichen … ein aufheulendes Auto, das auf Kartätschen zu laufen scheint, ist schöner als die Nike von Samothrake. […] Wir wollen den Krieg verherrlichen – diese einzige Hygiene der Welt –, den Militarismus, den Patriotismus, die Vernichtungstat der Anarchisten, die schönen Ideen, für die man stirbt, und die Verachtung des Weibes“ (Marinetti 1909). In ähnlicher Weise fetischisierte Ernst Jünger Maschinen – sowohl Industriemaschinen als auch Kriegsmaschinen – in Büchern wie Der Arbeiter: „So gibt es keinen Maschinenmenschen; es gibt Maschinen und Menschen – wohl aber besteht ein tiefer Zusammenhang zwischen der Gleichzeitigkeit neuer Mittel und eines neuen Menschentums. Um diesen Zusammenhang zu erfassen, muß man sich allerdings bemühen, durch die stählernen und menschlichen Masken der Zeit hindurchzusehen, um die Gestalt, die Metaphysik, zu erraten, die sie bewegt“ (Jünger 1932/1981, 63, 67).

Die Bevorzugung von Maschinen gegenüber Menschen ist eine Ideologie, die leicht zu jenem Anti-Humanismus werden kann, den der Faschismus als eine seiner ideologischen Grundlagen benötigt. Der historische Faschismus beruhte ideologisch auf der anti-humanistischen Verehrung der Maschinenmacht. Der zeitgenössische digitale Post- und Transhumanismus birgt ein faschistisches ideologisches Potenzial, das insbesondere in Situationen faschismusproduzierender Krisen politisch aktiviert werden kann. Der neoliberale Tech-Optimismus verwandelt sich dann in eine ideologische Dimension des digitalen Faschismus. Die TESKREAL-Ideologie des Silicon Valley ist charakteristisch für die post- und transhumanistische Ideologie, die sich in faschistischen Anti-Humanismus verwandeln kann.

Musk bezeichnet progressives Denken als das „Woke-Mind-Virus“ (Musk 2024a). Er hat nationalistische Bedenken hinsichtlich der Einwanderung geäußert und davor gewarnt, dass diese dazu führen könnte, dass eine Nation „seine Identität […]im Streben nach Globalisierung verliert. Eine Nation muss ihre Grundwerte und ihr kulturelles Erbe bewahren, um stark und geeint zu bleiben” (Musk 2024b, 9). „Wenn wir noch weitere vier Jahre offene Grenzen haben, […] bin ich mir nicht sicher, ob wir dann noch ein Land haben werden. […] Aber die Menschen, die hierherkommen, das ist die Erde. Der Rest der Erde. […] Es ist einfach nicht möglich, dass die Vereinigten Staaten alle Menschen von der Erde oder auch nur ein paar Prozent des Rests der Erde aufnehmen – das ist einfach nicht möglich“ (Musk & Weidel 2025).

Musk lehnt Gewerkschaften ab und sagt: „Ich bin gegen das Konzept der Gewerkschaften […] Ich glaube, dass Gewerkschaften naturgemäß versuchen, in einem Unternehmen eine negative Stimmung zu schüren und eine Art Herren-und-Bauern-Verhältnis zu schaffen“ (Musk 2023). Er bezeichnet sich selbst als „Verfechter der absoluten Meinungsfreiheit”[6]. Das Bekenntnis vieler Unternehmen zu Toleranz, Vielfalt und Meinungsfreiheit schwindet oft in dem Moment, in dem ihre finanziellen Interessen in Frage gestellt werden. So berichtete beispielsweise laut der Süddeutschen Zeitung das ZDF, das zuvor kritische Berichte über Tesla veröffentlicht hatte, dass ihm die Akkreditierung für die Einweihung der Gigafactory Berlin-Brandenburg im März 2022 verweigert wurde (Posselt 2022). In der von bestimmten Unternehmen propagierten Weltanschauung scheint Meinungsfreiheit nur für diejenigen zu gelten, die das uneingeschränkte Streben nach Profit nicht in Frage stellen.

Musks öffentliche Äußerungen spiegeln Elemente einer neoliberalen und techno-optimistischen Ideologie wider, die oft mit dem in der Wissenschaft als „autoritären Neoliberalismus“ bezeichneten Phänomen in Verbindung gebracht wird.

Meta/Facebook unterstützte Trumps Amtseinführungsveranstaltung mit einer Million Dollar. Zusammen mit anderen Tech-Mogulen war Mark Zuckerberg, CEO und Mitbegründer von Meta, bei der Veranstaltung anwesend. Nach dem Cambridge-Analytica-Skandal führte der öffentliche Druck dazu, dass Facebook ein Programm zur Faktenprüfung einführte. Kurz vor Trumps Amtseinführung 2025 beendete Zuckerberg das Faktenprüfprogramm von Meta in den USA und behauptete, dass die US-Präsidentschaftswahl 2024, die zu Trumps Sieg führte, ein „kultureller Wendepunkt hin zu einer erneuten Priorisierung der [Meinungs-]Freiheit“ sei und dass Meta daher die „freie Meinungsäußerung auf unseren Plattformen wiederherstelle“ (Zuckerberg 2025). Er bezeichnete Faktenprüfer:innen außerdem als „zu politisch voreingenommen“ (Zuckerberg 2025). Faktenprüfer:innen sind professionelle Journalist:innen, die wissen, wie man überprüft, ob bestimmte Behauptungen wahr oder falsch sind. Sie sind Teil einer Medienkultur, die für Meinungsfreiheit eintritt und gegen politische Voreingenommenheit arbeitet. Kritiker:innen argumentierten, dass die Entscheidung faktisch den rechtsextremen Desinformationsnetzwerken zugutekomme, indem sie die Moderationskapazitäten einschränke.

Peter Thiel ist einer der Mitbegründer von PayPal und Palantir Technologies. Palantir ist ein Unternehmen für Sicherheit und Datenanalyse. Er gründete Risikokapitalfirmen wie Founders Fund, Valar Ventures und Mithril Capital und investierte in Unternehmen wie Facebook, SpaceX, Airbnb, Spotify usw. Berichten zufolge spendete Thiel 1,25 Millionen US-Dollar für Trumps Wahlkampagne 2016 und die damit verbundenen Super-PACs (Streitfeld 2016), sprach auf der Republican National Convention 2016, wo er Trump öffentlich unterstützte, war Mitglied im Übergangsteam von Trump nach dessen erstem Wahlsieg, veranstaltete Spendenaktionen für Trump und ermutigte Persönlichkeiten aus dem Silicon Valley, sich für die Trump-Regierung zu engagieren. Thiel hat die Demokratie Technologie offen in Frage gestellt und autoritäre Systeme befürwortet: „Ich glaube nicht mehr, dass Freiheit und Demokratie miteinander vereinbar sind. […] Anders als in der Welt der Politik können in der Welt der Technologie die Entscheidungen einzelner Personen noch maßgeblich sein. Das Schicksal unserer Welt könnte vom Einsatz einer einzigen Person abhängen, die die Mechanismen der Freiheit aufbaut oder verbreitet, die die Welt für den Kapitalismus sicher machen“ (Thiel 2009). Solche Aussagen und Thiels Handlungen sind charakteristisch für die Ideologie des neoliberalen Autoritarismus.

Marc Andreessen war Mitbegründer von Netscape Communications, das den beliebten WWW-Browser Netscape Navigator entwickelte. 2009 gründete er zusammen mit Ben Horowitz die Risikokapitalfirma Andreessen Horowitz, die in Tech-Plattformen wie Coinbase (Kryptowährung), Slack (Kooperations- und Kommunikationsplattform), Pinterest (Bild-Sharing-Plattform), DigitalOcean (Cloud-Computing), Airbnb, Instagram und Twitter investierte. Andreessen unterstützte Trump im Präsidentschaftswahlkampf 2024. Laut Daten spendete Andreessen Horowitz rund 7 Millionen US-Dollar für Trumps Wahlkampagne 2024 (Datenquelle: OpenSecrets 2024). Andreessen kündigte seine Unterstützung für Trump öffentlich im Jahr 2024 an und erklärte, die Biden-Administration überreguliere die Tech-Konzerne und besteuere sie übermäßig.

Im Jahr 2023 veröffentlichte Andreessen (2023) das Techno-optimistische Manifest, das von manchen als radikal neoliberales und libertäres Werk angesehen wird, das den digitalen Kapitalismus verherrlicht und digitale Technologien fetischisiert. Er will den digitalen Kapitalismus beschleunigen und radikalisieren und stützt diese Forderung auf die techno-deterministische Annahme, dass digitale Technologien die Lösung für die Probleme der Gesellschaft sind und nur positive Auswirkungen haben: „Technologie ist der Ruhm menschlichen Ehrgeizes und Schaffens, die Speerspitze des Fortschritts und die Verwirklichung unseres Potenzials. […] Wir glauben an den Akzelerationismus – die bewusste und gezielte Förderung technologischer Entwicklung – um das Gesetz der beschleunigten Renditen zu erfüllen. Damit die techno-kapitalistische Aufwärtsdynamik ewig anhält. […] Die techno-kapitalistische Maschine arbeitet für uns. Alle Maschinen arbeiten für uns“ (Andreessen 2023). In diesem Manifest stellt Andreessen den Staat als zentralisierten Planer dar, ineffizient, wissensarm und letztlich schädlich für den Wohlstand. Stattdessen befürwortet das Manifest Märkte und technologisches Unternehmertum als die wahren Motoren des Fortschritts. „Wir glauben, dass Märkte eine grundsätzlich individualistische Möglichkeit sind, überlegene kollektive Ergebnisse zu erzielen.“ Andreessen fördert das Freund/Feind-Denken, das typisch für den Autoritarismus ist, und identifiziert jede Idee und Politik, die die Unternehmensmacht regulieren will, als Feind: „Wir haben Feinde. … Unsere gegenwärtige Gesellschaft wurde einer Massen-Demoralisierungskampagne unterzogen […] – gegen Technologie und gegen das Leben – unter verschiedenen Namen wie ‚Existenzrisiko‘, ‚Nachhaltigkeit‘, ‚ESG’, ‚Stakeholder-Kapitalismus‘, ‚Vorsorgeprinzip‘, ‚Vertrauen und Sicherheit‘, ‚Technikethik‘, ‚Risikomanagement‘, ‚Degrowth‘, ‚Grenzen des Wachstums‘“ Das Weltbild von Andreessen ist ein radikaler Kapitalismus, der vom Staat nicht reguliert wird, verbunden mit Elementen des Autoritarismus. Daher ist es nicht überraschend, dass er Donald Trump unterstützt hat.

Curtis Yarvin ist Blogger, Autor und Softwareentwickler. Unter anderem haben Peter Thiel (Gellman 2023), Marc Andreessen[7] und J. D. Vance (Murphy & Vance 2021) ihn als einen ihrer Einflüsse oder als interessanten Denker bezeichnet. Yarvin schuf die intellektuelle Grundlage für das, was der Digitalphilosoph Nick Land (2023) als „Dunkle Aufklärung“ („Dark Enlightenment“) bezeichnet, die philosophische Basis der Alt-Right-Bewegung. Yarvin hat die intellektuellen Grundlagen des zeitgenössischen Autoritarismus maßgeblich geprägt.

In Schriften unter dem Pseudonym „Mencius Moldbug“ hat Yarvin dazu aufgerufen, die Demokratie durch die Verschmelzung von Kapitalismus und Diktatur zu ersetzen, eine Monarchie, die von einem politischen CEO regiert wird und den Staat in eine riesige Firma verwandelt – eine Art CEO-Monarchie. Er argumentiert, man solle „den besten CEO der Welt finden und ihm uneingeschränkte Kontrolle über Budget, Politik und Personal geben“ (Moldbug 2008, 136) sowie „absolute souveräne Autorität“ (Moldbug 2009, 259). Moldbug propagiert „den Untergang der Verfassung und deren Ersetzung durch eine eisern harte Unternehmensdiktatur“ (Moldbug 2009, 265). Er behauptet, jedes Problem könne „durch die Installation eines neuen Managements mit uneingeschränkter Autorität behoben werden“ (Moldbug 2008, 321). Yarvin schreibt, dass „Hitler ein Genie war“ (Moldbug 2009, 184) und dass „Mussolini gute Arbeit beim Umgang mit der Mafia leistete“ (Moldbug 2009, 184). Moldbug propagiert die Umwandlung des Staates in ein Unternehmen. Er beschreibt ein hypothetisches Gedankenexperiment, bei dem eine Bewegung ein System einführt, das er als „rassistischen Unternehmensfaschismus“ charakterisiert (Moldbug 2008, 291).

Die Diskussion darüber, wie digitale Tech-Mogule den Autoritarismus unterstützen, könnte fortgesetzt werden, aber hier müssen wir an dieser Stelle aufhören. Öffentliche Äußerungen und politische Spenden von Personen wie Elon Musk, Mark Zuckerberg, Peter Thiel, Marc Andreessen und Curtis Yarvin wurden in wissenschaftlichen und journalistischen Kommentaren als Hinweis auf einen breiteren Trend interpretiert, bei dem sich Teile des digitalen Kapitals mit autoritärer oder nationalistischer Politik verbinden.

Das digitale Kapital ist eine der Kapitalfraktionen, die im aktuellen globalen Kontext, geprägt vom Aufstieg neuer rechter Bewegungen, dazu neigen, sich mit autoritärer Herrschaft zu verbinden oder diese zu ermöglichen, was zu dem beiträgt, was als autoritärer digitaler Kapitalismus bezeichnet werden kann. Die Grenze zwischen autoritärem digitalem Kapitalismus und digitalem Faschismus ist oft fließend.

Viele der analysierten Weltanschauungen teilen eine starke Ablehnung staatlicher Regulierung von Unternehmen, technologischen Determinismus, den Fetischismus starker Führungsfiguren und den Glauben an bestimmte Aspekte der sozialdarwinistischen Ideologie des Überlebens des Stärkeren in Wirtschaft und Gesellschaft.

In ihrem Aufsatz „Die kalifornische Ideologie“ vertreten die Medien- und Politikwissenschaftler Richard Barbrook und Andy Cameron die Auffassung, dass die digitale Kultur des Silicon Valley die Ideologie des Neoliberalismus mit der rechten Ideologie teilt: „die Ideologen der Westküste [haben] die Ideologie des Laissez-faire ihres einstigen konservativen Feindes übernommen“ und befürworten die Schaffung eines „elektronischen Marktplatz[s]“ (Barbrook & Cameron 1997). Die beiden Denker sagen, dass die Ideologie des Silicon Valley blind ist gegenüber „Rassismus, Armut und Umweltzerstörung“, auf denen das neoliberale Modell der digitalen Technologie basiert – wie sich beispielsweise an den schlechten Arbeitsbedingungen zeigt, mit denen viele Arbeitsmigranten in der Chipfertigung im Silicon Valley konfrontiert sind. Im Zeitalter des neuen Faschismus sagen manche, dass die kalifornische Ideologie aufgehoben wurde, sodass sie eine neue Stufe erreicht und zur kalifornischen Ideologie 2.0 wird – einer Ideologie, die aktiv autoritäre und faschistische Politik finanziert und unterstützt, die xenophob, rassistisch, nationalistisch, antidemokratisch und diktatorisch ist.

Little and Witch (2021) betonen, dass die Tech-Gurus des Silicon Valley wie Elon Musk, Jeff Bezos, Mark Zuckerberg, Peter Thiel, Larry Page und Sergey Brin überwiegend Männer sind, die einen „patriarchalischen digitalen Kapitalismus“ verkörpern (Little & Witch 2021, 184). Der Faschismus basiert traditionell auf patriarchalischen Werten und Praktiken, wie der Idealisierung des männlichen Soldaten und der Zurückdrängung von Frauen inden Bereich des Haushalts. Deshalb ist der patriarchale digitale Kapitalismus relevant, wenn wir den digitalen Faschismus analysieren. Es gibt weibliche Gründerinnen und Top-Führungskräfte in der Digitalindustrie, wie Donna Dubinsky (Palm), Adriana Gascoigne (Girls in Tech), Diane Greene (VMware), Julia Hu (Lark Health), Sandy Lerner (Cisco), Marissa Mayer (Dazzle, Sunshine, Yahoo!, Google), Kim Polese (Marimba, SpikeSource) und Sheryl Sandberg (Meta/Facebook, Google). Genauso wie es Frauen in rechtsextremen politischen Führungspositionen gibt, etwa Marine Le Pen und Alice Weidel, gibt es auch Frauen-CEOs und Managerinnen in der kapitalistischen Digitalwirtschaft. Teile des zeitgenössischen Patriarchats haben sich von konservativen Familienwerten zu einem neoliberalen und unternehmenszentrierten Feminismus gewandelt, der auf dem beruht, was Arruzza, Bhattacharya und Fraser (2019, 5) als eine „auf Chancengleichheit beruhende Herrschaft“ bezeichnen, bei der „sich Männer und Frauen der herrschenden Klasse gleichberechtigt die Aufgabe teilen, Ausbeutung am Arbeitsplatz und gesamtgesellschaftliche Unterdrückung zu verwalten“ (4). Die drei Autorinnen argumentieren, dass „Sandberg und ihresgleichen […] den Feminismus als Magd des Kapitalismus“ erachten (4). Neoliberalismus, neuer Faschismus sowie neoliberaler Autoritarismus und Faschismus reproduzieren nicht nur das klassische Patriarchat, sondern fördern auch eine transformierte Form des Patriarchats, in der Frauen gemeinsam mit Männern als autoritäre Wirtschaftsführer und politische Führer auftreten, die die Arbeiterklasse und andere Gruppen beherrschen. Die Patriarchen des digitalen Kapitalismus versuchen, „[j]ede Art von Herausforderung gegenüber der Autorität, die durch Gewerkschaften, Aktionär:innen oder staatliche Kontrolle erfolgt, zu unterdrücken“ (Little & Witch 2021, 217). Zu diesem Patriarchat gehören auch Frauen, die die Werte des Kapitalismus und des Autoritarismus reproduzieren und teilen.

Rainer Mühlhoff (2025, 14-16, 118-119) argumentiert, dass Antidemokratismus, Gewalt und Technologie als Machtinstrumente die drei Hauptmerkmale des Faschismus sind. In dem von ihm so bezeichneten „neuen Faschismus“ hat sich die KI-Industrie eng mit der faschistischen Politik verbunden. Im neuen Faschismus wird KI laut Mühlhoff als Instrument faschistischer Macht eingesetzt. Mühlhoff argumentiert, dass der neue Faschismus KI als Schlüsseltechnologie nutzt, um Massenüberwachungssysteme und algorithmische Vorhersagen zu schaffen, mit denen Einzelpersonen und bestimmte Gruppen klassifiziert, diskriminiert, unterdrückt und potenziell eliminiert werden können. Sein Ansatz scheint auf der Annahme zu beruhen, dass KI von Natur aus faschistisch ist. Dies ist eine recht weitreichende und grundlegende Behauptung. Sie impliziert, dass KI niemals zur Förderung des Gemeinwohls und einer demokratischen Gesellschaft eingesetzt werden kann. Nicht jeder wird solche Annahmen teilen.

Die Arbeiten des Philosophen John R. Searle zur KI ermöglichen eine andere Interpretation der KI. Searle (1980) unterscheidet zwischen starker und vorsichtiger/schwacher KI:

„Nach der schwachen KI liegt der Hauptnutzen des Computers bei der Erforschung des Geistes darin, dass er uns ein äußerst leistungsfähiges Werkzeug an die Hand gibt. So ermöglicht er es uns beispielsweise, Hypothesen auf strengere und präzisere Weise zu formulieren und zu überprüfen. Nach der starken KI hingegen ist der Computer nicht bloß ein Werkzeug bei der Erforschung des Geistes; vielmehr ist ein entsprechend programmierter Computer tatsächlich ein Geist, in dem Sinne, dass man von Computern mit den richtigen Programmen buchstäblich sagen kann, dass sie verstehen und andere kognitive Zustände besitzen. In der starken KI sind die Programme, da der programmierte Computer kognitive Zustände besitzt, keine bloßen Werkzeuge, die es uns ermöglichen, psychologische Erklärungen zu testen; vielmehr sind die Programme selbst die Erklärungen“ (Searle 1980, 417).

Die starke KI ist eine Form des technologischen Fetischismus. Sie geht davon aus, dass der Computer mächtiger ist als das menschliche Gehirn und daher menschliche Aktivitäten nachahmen, simulieren, automatisieren und übertreffen kann. Sie basiert auf der moralischen Annahme, dass digitale Maschinen wichtiger als Menschen sind und ihnen überlegen sind. Genau dieser Antihumanismus verbindet zeitgenössische Faschist:innen mit bestimmten Vertreter:innen der KI- und Digitalindustrie. Im Gegensatz dazu glaubt die schwache KI nicht an die Machbarkeit und Wünschbarkeit, menschliche Gehirnarbeit durch KI zu ersetzen, sondern sieht sie als eine Technologie, die dazu entwickelt und genutzt werden sollte, um menschliche Tätigkeiten zu erweitern und nicht zu ersetzen. Gegen die Annahme, dass alle KI faschistisch sei, lässt sich die Hypothese aufstellen, dass es sowohl faschistische als auch demokratische, humane Wege gibt, KI und digitale Technologien zu gestalten und zu nutzen. Das bedeutet, dass bestimmte Formen von KI Merkmale aufweisen können, die sich leicht für faschistische Zwecke missbrauchen lassen, während andere Merkmale eher für demokratische Zwecke genutzt werden können. Es gibt stets potenzielle, unvorhersehbare und unvorhersehbare Konsequenzen und Nutzungsformen, sodass die genauen Auswirkungen von KI auf die Gesellschaft niemals vollständig vorhergesagt werden können.

In den 1970er Jahren schrieb der Kulturtheoretiker Raymond Williams (1974/2004) über Fernsehen und Gesellschaft und argumentierte gegen den technologischen Determinismus, wonach gesellschaftliche und technologische Entwicklungen dialektisch miteinander verbunden sind. Basierend auf Williams lässt sich sagen, dass im Fall von KI, wie bei anderen Technologien, menschliche „Absichten“ den „Forschungs- und Entwicklungsprozess“ prägen; KI wird „mit bestimmten Zwecken und Praktiken im Blick gesucht und entwickelt“ (Williams 1974/2004, 7).

Der digitale Kapitalismus und der digitale Faschismus überschneiden sich und beeinflussen einander auf vielfältige Weise. Vertreter:innen des digitalen Kapitals haben rechtsextreme Parteien und Politiker:innen finanziell, politisch und ideologisch unterstützt. Es gibt Parallelen zwischen der kalifornischen Ideologie des Silicon Valley, der neoliberalen Ideologie und der faschistischen Ideologie, die zu einer neuen Verschmelzung geführt haben: dem digital-kapitalistischen Autoritarismus und Faschismus.

Klassische neoliberale Theoretikerinnen und Theoretiker, wie Hayek und Friedman, argumentieren, dass der Kapitalismus eine notwendige Grundlage der Demokratie ist: „Wenn ‚Kapitalismus‘ hier ein auf Wettbewerb und Privateigentum beruhendes Wirtschaftssystem bedeuten soll, so ist es weit wichtiger, sich darüber klar zu sein, dass nur im Rahmen eines solchen Systems die Demokratie möglich ist“ (Hayek 1944/2014, 79). „Die Geschichte lehrt jedoch nur, dass der Kapitalismus eine notwendige Voraussetzung für politische Freiheit ist“ (Friedman 1962/2019, 30). Zeitgenössische Entwicklungen zeigen, wie falsch diese Behauptung ist. Das Kapital neigt dazu, jede politische Ordnung zu unterstützen, die seine Interessen am besten fördert. Deshalb beobachten wir heute die Tendenz zur Verschmelzung von digitalem Kapitalismus und digitalem Faschismus. Slobodian (2025, 29) argumentiert, dass Hayeks Theorie dem sozialen Darwinismus ähnelt, was eine Verbindungstür zwischen Neoliberalismus, digitaler Ideologie und Faschismus darstellt.

6.   Fazit

Dieser Aufsatz argumentiert, dass das Spektakel von Trumps Amtseinführung 2025 – gespickt mit den mächtigsten Tech-Magnaten der Welt – eine engere Verbindung zwischen digitalem Kapital und autoritärer Politik signalisiert. Um diese Konjunktur zu verstehen, wird der Faschismus durch die Linse der Frankfurter Schule und deren Konzept des Autoritarismus neu gefasst, wobei der Kapitalismus in den Mittelpunkt rückt und nicht ausgeblendet wird. Der Faschismus wird als eine terroristische, antidemokratische Form des rechten Autoritarismus definiert, die sich um Führerkult, Nationalismus, das Freund/Feind-Schema und das militante Patriarchat organisiert – vor allem aber um die Legitimation und Institutionalisierung von Gewalt. Diese Perspektive erklärt, warum der Faschismus in kapitalistischen Krisen tendenziell intensiver wird und warum er so häufig mit konservativen Wirtschafts-Eliten zusammenarbeitet, wobei objektive Unsicherheiten in autoritäres Bewusstsein und Mobilisierung übersetzt werden.

Hierbei handelt es sich um eine Übersetzung, die den ursprünglichen Text flüssig, präzise und idiomatisch ins Deutsche überträgt:

Die „Digitale“ ist hier nicht als neutrales Werkzeugset zu verstehen, sondern als soziotechnisches Terrain, das durch Konvergenz und Prosumtion geprägt ist und die Grenzen zwischen Produktion und Konsum sowie zwischen Online- und Offline-Leben auflöst. Der Aufsatz konzeptualisiert digitalen Faschismus als Dualität: Faschistische Praktiken (Kognition, Kommunikation, Koproduktion) und digitale Strukturen produzieren sich wechselseitig – das ist die tripleC-Dynamik. Diese Dialektik untermauert konkrete Phänomene wie nutzergenerierten Hass und Desinformation, algorithmische Zielgruppenansprache und Bot-Armeen, Cyberangriffe, Datenüberwachung sowie digital vermittelte Bedrohungen und Gewalt. In zehn Arbeitshypothesen skizziert der Text historische Kontinuitäten und Veränderungen: von zentral gesteuerter Rundfunkpropaganda zu hybriden Influencer-Netzwerken; von rassistisch codierten Feinden zu Fronten des Kulturkriegs; von Straßenmilizen zu teilautomatisierten Konflikten; und von offener Anti-Demokratie zu „schleichenden“ Behauptungen, die wahre Demokratie zu sein, während sie ausgehöhlt wird. Schließlich verbindet der Text diese Dynamiken mit der politischen Ökonomie des digitalen Kapitalismus. Das Kapital ist politisch flexibel, und in der aktuellen Entwicklungsphase des Kapitalismus stellen zentrale Kapitalfraktionen – Finanzen, Fossil- und Transportsektor sowie insbesondere die Digital- und Kommunikationswirtschaft – Mittel, Plattformen und Ideologien für aufkommende autoritäre Projekte bereit. Manche werden sagen, dass Figuren wie Musk, Zuckerberg, Thiel, Andreessen und Yarvin das veranschaulichen, was man eine kalifornische Ideologie 2.0 nennen könnte – eine techno-deterministische und neoliberale Weltanschauung, die Märkte, Innovation und Führung wertschätzt, während sie Skepsis gegenüber Regulierung, Arbeiterorganisationen und egalitärer Umverteilung zeigt. Allgemein besteht die Gefahr heute im Aufstieg eines autoritären digitalen Kapitalismus, dessen Grenze zum digitalen Faschismus zunehmend durchlässig erscheint.

Franz L. Neumann diskutiert das Verhältnis zwischen Nazi-Deutschland und dem Kapitalismus:

„Thyssen, Kirdorf und andere zahlten 1932 der Nationalsozialistischen Partei die Schulden […] Die Häuser der Industrieführer standen Hitler und Ley, Göring und Terboven offen. […] Im Hinblick auf die imperialistische Expansion besitzen der Nationalsozialismus und das Großkapital identische Interessen. Der Nationalsozialismus strebt nach Ruhm und Stabilisierung seiner Herrschaft, die Industrie nach der vollen Nutzung ihrer Kapazitäten und Eroberung fremder Märkte. Die deutsche Industrie ist bereit gewesen, voll und ganz zu kooperieren. Demokratie, bürgerliche Rechte, Gewerkschaften und öffentliche Diskussion hat sie nie gemocht. Der Nationalsozialismus benutzte den Wagemut, die Kenntnisse, die Aggressivität der industriellen Führungsschicht, während die ‚Wirtschaftsführer‘ den Antidemokratismus, Antliberalismus und die Gewerkschaftsfeindlichkeit der Nationalsozialistischen Partei benutzten, die jene Techniken, mit denen die Massen gelenkt und beherrscht werden können, voll entwickelt hatte“ (Neumann 1944/2018, 421, 422).

Heute wird die Macht des Faschismus nicht gegen, sondern durch den digitalen Kapitalismus konstituiert. Das digitale Kapital und andere Klassenfraktionen unterstützen den Autoritarismus und/oder den Faschismus, um die Interessen der Arbeiterklasse zu zerstören, Menschenrechte und Minderheiten zu unterdrücken und unkontrolliert Kapital zu akkumulieren.

Der Kampf gegen digitalen Faschismus erfordert nicht Techno-Optimismus oder Techno-Pessimismus, sondern eine verfassungsrechtliche digitale Demokratie: durchsetzbare Rechte, eine robuste Regulierung der Plattformmacht und der Datennutzung, Schutzmaßnahmen für Arbeiterinnen und Arbeiter sowie für Gewerkschaften und eine Öffentlichkeit, die gegen die Postfaktizität gewappnet ist. Zusätzlich brauchen wir eine resiliente digitale Demokratie, eine neue Form der partizipativen digitalen Demokratie, in der öffentlich-rechtliche und genossenschaftliche Internetprojekte eine Autonomie gegenüber der Macht des digitalen Kapitals etablieren. In Anlehnung an den kritischen Theoretiker Franz L. Neumann (siehe auch Fuchs 2017) wollen wir diesen Aufsatz mit der Feststellung schließen, dass Bildung und politisches Handeln eine doppelte Pflicht sind, wenn die Freiheit im digitalen Zeitalter überleben soll:

„So bleibt für uns als Universitäts- und als Staatsbürger der doppelte Angriff gegen die Angst und für die Freiheit: der der Erziehung und der der Politik. Politik wiederum sollte ein Zweifaches für uns sein: die Durchdringung des Wissenschaftsstoffes mit den Problemen der Politik – natürlich nicht der Tagespolitik – und die Stellungnahme zu politischen Fragen. Wenn wir es mit der Humanisierung der Politik ernst meinen, wenn wir vermeiden wollen, daß sich ein Demagoge die Angst und Apathie zunutze macht, dann dürfen wir, Lehrer und Studenten, nicht schweigen. Hochmut, Trägheit und Abscheu vor dem Schmutz der Tagespolitik müssen wir unterdrücken. Wir müssen reden und schreiben. [...] Nur durch unsere eigene verantwortliche erzieherische und politische Tätigkeit kann aus den Worten des Idealismus Geschichte werden“ (Neumann 1978, 453).

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Über den Autor

Christian Fuchs

Christian Fuchs ist ein kritischer Theoretiker der Kommunikation und der Gesellschaft. Er ist Professor für Mediensysteme und Medienorganisation an der Universität Paderborn und Mitherausgeber der Zeitschrift tripleC: Communication, Capitalism & Critique (https://www.triple-c.at). Er ist Autor kritischer Theorie-Bücher wie Communication and Capitalism: A Critical Theory (https://doi.org/10.16997/book45), World War and World Peace in the Age of Digital Capitalism (https://doi.org/10.16997/mpub.13082283), und Critical Theory of Communication: New Readings of Lukács, Adorno, Marcuse, Honneth and Habermas in the Age of the Internet (https://doi.org/10.16997/book1). Weitere Informationen: https://fuchsc.net.


[1] https://www.youtube.com/shorts/JNmOD5EVmZA, abgerufen am 7. Oktober 2025.

[2] https://www.bloomberg.com/billionaires/, abgerufen am 7. Oktober 2025.

[3] Für Kittler (1993, 8) sind technische Medien Medien, die „Übertragung, Speicherung, Verarbeitung von Information“ ermöglichen.

[7] https://x.com/pmarca/status/1880739649301463536, abgerufen am 16. März 2026.